Die Grünen experimentieren. Bei ihrer Fraktionsklausur in Weimar rücken sie zusammen und diskutieren in kleinen Stuhlkreisen über die eigene Rolle in der Opposition. Kein Rumtippen auf Handys oder Notebooks nebenbei, kein effektheischendes Verbalfeuerwerk in großer Runde, sondern zuhören, mitreden und auch mal Fragen stellen, ohne eine Antwort zu finden - das ist die Idee.
Sie kommt von den Jüngeren und den Neuen in der Fraktion. Sie haben für die Legislaturperiode eine andere Arbeitsweise eingefordert - weniger Gegeneinander und mehr Miteinander. In Weimar bekommen sie einen kleinen Vorgeschmack darauf und zeigen sich besänftigt.
Innerhalb der Grünen-Fraktion hatte sich Unmut breit gemacht - über festgefahrene Strukturen, Denkblockaden und Postengeschacher zwischen den Altvorderen. Der Nachwuchs rief nach personeller Erneuerung und einer neuen Fraktionskultur. Die Postenverteilung ist inzwischen abgeschlossen - die meisten sind damit zufrieden, Einzelne weniger. Blieb noch die interne Debattenkultur.
Die Diskussion in kleiner gemischter Runde - Junge und Alte, Erfahrene und Neulinge, Realos und Fundis - soll einen ersten, kleinen Teil zur Veränderung beitragen. Die Idee wurde intern auch belächelt. Nach dem Testlauf in Weimar ist aber kein Gegrummel mehr zu hören. Die Grüne Jugend spricht von einem «meilenweiten Fortschritt» gegenüber früheren Klausurtreffen. Der Austausch sei einfach anders, die Debatte «weniger oberflächlich». Es gebe Raum für Grundsatzfragen und grundsätzliches Infragestellen.
Das haben sich gerade die Neulinge in der Fraktion gewünscht. Davon gibt es einige. 68 Frauen und Männer sitzen für die Grünen im Bundestag - 17 mehr als in der vergangenen Legislaturperiode und 26 davon neu im Parlament. Einige haben die Fraktion zuvor von der Grünen Jugend aus beobachtet, die starren Strukturen kritisiert und bei ihrem Einstieg Veränderungen gefordert.
Der Jüngste der Neuzugänge ist Sven-Christian Kindler, 24 Jahre alt. Der Niedersachse ist kein Inbegriff eines Grünen - zumindest nicht auf den ersten Blick. Er ist Controller und trägt gerne mal einen Anzug. Den «typischen grünen Lebenslauf» habe er eben nicht, sagt er, «aber viel grünes Leben»: Kindler isst vegan, beleuchtet seine Wohngemeinschaft mit Ökostrom, kauft seinen Kaffee fair gehandelt und spart sich den Führerschein dem Klima zuliebe. Er findet die «Lockerungsübung» in Weimar wichtig. Das Ziel sei, «mehr gemeinsam statt gegeneinander» zu machen. «Der Gegner ist nicht in der eigenen Partei», sagt er.
Die Neu-Grüne in der Fraktion, Agnes Malczak, spricht von einer konstruktiven Stimmung bei ihrer Klausur-Premiere. «Die Debatten sind sehr offen», sagt sie. Ein bisschen «Aufbruchstimmung» sei zu spüren.
Auch die Jüngeren in der Fraktion, die schon länger dabei sind und nach oben drängen, geben sich einigermaßen befriedet. In den vergangenen Jahren habe es eine «verfahrene Debattenstruktur» gegeben, sagt einer. Nun starte die Fraktion «konstruktiver und teamorientierter» in die Legislaturperiode.
Überbordende Einigkeit bedeutet das nicht. Viel wird in Weimar über künftige Bündnisoptionen geredet - nicht in den Beratungsrunden, aber auf den Fluren und in den Kaffeepausen. Schwarz-Grün oder doch lieber Rot-Rot-Grün? Viele Grüne können sich mit dem Gedanken an Unions-Bündnisse gut anfreunden, die Abscheu schwindet. Andere drängen strikt nach links. Hier sind noch einige Gesprächsrunden nötig.
Der Artikel ist erschienen am 15.1. bei Ad Hoc News erschienen.
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