Artikel erschienen in der HAZ, am 21. Juli 2010 VON GABI STIEF
Manche glauben noch heute, dass der typische Grüne Schlabberjeans trägt, strickt und am liebsten Müsli löffelt. Doch selbst in den Gründerjahren der Partei war dies nicht mehr als ein Klischee. Sven-Christian Kindler ist so etwas wie die moderne Version der Grünen – jung, selbstbewusst, erfolgreich. Bis vor Kurzem hat der 25-Jährige noch in einem hannoverschen Unternehmen Kosten-Leistungs-Analysen angefertigt, die dem Management als Blaupausen für Sparpläne dienten.
Nun sitzt er im Bundestag und will – wie er sagt – die Welt verändern. Man würde Kindler unterschätzen, wollte man dies als naiv abtun. Die Grenzen des Machbaren sind ihm vertraut. Persönlich hat er schon viel erreicht. Das Abitur an der Käthe-Kollwitz-Schule absolvierte er mit der Traumnote 1,4; im harten Wettstreit um einen der begehrten dualen Studienplätze in der Betriebswirtschaftslehre, die von Hochschulen in Kooperation mit Unternehmen angeboten werden, setzte er sich durch. Seinen Bachelor-Abschluss machte er als Jahrgangsbester. So mancher träumt dabei von Aufstieg und Wohlstand. Kindler hält Karriere für zweitrangig. „Mir war wichtig, die Ökonomie zu verstehen.“ Er kennt sich also aus mit Soll und Haben. Er weiß, was Schulden bedeuten; nicht nur für ein Unternehmen, sondern auch für ein Gemeinwesen. Was lag da näher als ein Platz im Haushaltsausschuss? Bundestagsneulingen gelingt ein Einstieg in dieses Gremium selten, aber Betriebswirt Kindler hat es wieder einmal geschafft. Seit Kurzem schaut der Grüne nun dem Finanzminister in die Bücher. In der Haushaltsdebatte im Bundestag stand er gleich viermal vorn am Rednerpult. Einmal sprach Wolfgang Schäuble direkt nach ihm. Seine Augen leuchten. „Klar, habe ich Achtung vor diesem Haus.“
Doch woher kommt die Leidenschaft zu einem Beruf, der nicht gerade hoch im Ansehen steht? Das Engagement schaute er sich bei seinen Eltern ab, die sich der Friedens- und Ökologiebewegung verschrieben hatten. Bei den Pfadfindern entdeckte er als 15-Jähriger die Liebe zur Natur. Bei den Reisen, sagt er, habe er erstmals Wut darüber verspürt, dass so viele schöne Dinge zerstört werden. Auch das Zusammensein mit Kindern aus armen Familien habe ihn bewegt. Irgendwann stieg er bei der Grünen Jugend ein und wurde ihr Sprecher in Niedersachsen. Später, da schrieb er schon an Kostenanalysen, trat er der IG Metall bei. In seinem Bundestagsbüro hat er das Abschiedsgeschenk seiner grünen Freunde aufgehängt; es ist eine Fotocollage, die ihn hinter Infoständen und auf Demonstrationen zeigt. Eigentlich ist es kein Abschied, denn Kindler hat den Anschluss nicht verloren. Das „Raumschiff Berlin“ sei verführerisch, sagt er. „Aber ich mache mir immer wieder klar, wo ich herkomme.“ Das ist mehr als Gerede. Er geht zu Gewerkschaftsveranstaltungen, besucht die Kollegen in seinem alten Betrieb. Die Welt verändern? Kindler ist ein Linker, wenn es darum geht, Vermögende zur Kasse zu bitten, um die Kosten der Finanzkrise zu begleichen. Er ist Öko, wenn es darum geht, die EU-Subventionierung des Exports von Hühnerbrüsten nach Afrika abzuschaffen. Seit drei Jahren ist der 25-Jährige Veganer. Er erzählt dies ohne moralischen Eifer; als reiche es ihm, dass er weiß, was vernünftig ist. Ab und an trifft er sich mit jungen Abgeordnetenneulingen der SPD und der Linken. Die Gruppe nennt sich „Oslo“, weil es in Norwegen eine Koalition aus Sozialdemokraten, Sozialisten und Grünen gibt. Man wolle die Machtoption für 2013 jetzt klären, sagt er.
Artikel als pdf herunterladen
Neuen Kommentar schreiben