HAZ: "Wenn in Deutschland das Licht ausgeht"

Berlin. Kein Zug, kein Telefon, keine Auskunft – und Hunderttausende von Menschen, die festsitzen. Mitten in einer Großstadt, mitten im Herzen der Hauptstadt. Berliner, die zur Arbeit und in die Schule müssen, Touristen, die auf dem Weg zum Flughafen sind. Nichts geht mehr. Weil der Strom ausgefallen ist.

Wie anfällig die Infrastruktur einer modernen Großstadt ist, haben die Berliner gestern erlebt. In der Nacht zum Montag hatten Unbekannte einen oberirdischen Kabelschacht im Osten der Metropole in Brand gesetzt und damit das Alltagsleben aus der Bahn geworfen. S-Bahnen fielen aus, Fernzüge verspäteten sich, Tausende Büros waren während des gesamten Arbeitstages telefonisch nicht erreichbar, Mobilfunk und Internetverbindungen lagen stundenlang lahm, Termine wurden verpasst, Geschäftschancen verstrichen.

Das Chaos im Osten Berlins war mutwillig angerichtet; noch am Abend überprüfte die Polizei ein im Internet verbreitetes Bekennerschreiben von angeblichen Atomkraftgegnern. Doch dieser – begrenzte – Stromausfall rührt in der Hauptstadt an einen Nerv. Denn nur wenige Stunden zuvor hatte sich die Nachricht verbreitet, dass sich dieses Szenario im kommenden Winter wiederholen könnte. Vielfach. Diese Gefahr sehen jedenfalls die vier großen deutschen Stromnetzbetreiber – wenn die Bundesregierung beim Moratorium für alte Kernkraftwerke bleibt.

Die Energieexperten schlugen am Sonntag Alarm: Ein Blackout sei nicht mehr auszuschließen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg fehlten die Leistungen großer Stromproduzenten. Bei einem dauerhaften Aus von acht Kernkraftwerken könnte es im Winter zu kaum noch beherrschbaren Situationen kommen. Denn gerade in der kalten Jahreszeit gebe es zu geringe Mengen an Solarstrom und zu wenig Importmöglichkeiten, da andere Länder dann ebenfalls einen erhöhten Bedarf haben. Nicht einmal Frankreich mit seinen zahlreichen Atomkraftwerken könne dann noch Energie abgeben, da viele Wohnungen zwischen Paris und Marseille elektrisch beheizt werden.

Christiane Schwarte, Sprecherin des Bundesumweltministeriums, äußerte sich gestern in düsterer Tonlage: „Das ist keine leichte Situation.“ Die Bundesregierung nehme die Blackout-Warnungen der Energieunternehmen „ernst“. Es gehe nun um ein kluges Netzmanagement, da neue Stromnetze nicht von heute auf morgen gebaut werden könnten. „Die Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot bei der Energiewende“, betont Schwarte. Doch in den Worten der Sprecherin von Minister Norbert Röttgen (CDU) schwingen Zweifel mit.

Wie also sind die Warnungen der Netzunternehmer EnBW Transportnetze AG, 50hertz, Amprion und Tennet zu verstehen? Betreiben sie Panikmache, um den Atomausstieg zu verzögern oder gar zu verhindern?

Die Netzeigentümer lassen es an Deutlichkeit nicht mangeln: Die Stromnetze seien fernab von jedem operativen Normalbetrieb. Schon heute müssten Kraftwerksrevisionen und dringende Arbeiten zur Instandhaltung und zum Ausbau der Netze verschoben werden, weil die Netze sonst noch instabiler würden. „Trotz all dieser Maßnahmen steigt das Risiko für Netzstörungen, da die Reserven und Eingriffsmöglichkeiten der Netzbetreiber nahezu aufgezehrt sind“, heißt es. Ihre Befürchtung: Wenn im Winter die Energieerzeugung durch Photovoltaik-Anlagen zurückgehe, könne es in den Abendstunden zu Problemen kommen.

Ganz zu schweigen von den Anforderungen der Industrieunternehmen: Viele Großkunden seien auf eine absolut gleichbleibende Spannung in den Netzen angewiesen. Schon geringfügige Abweichungen könnten die Produktionsprozesse stören. Die Netzwerkbetreiber sprechen in ihrer Erklärung, etwas ominös, schon davon, dass als „letzte Alternative“ auch die Abschaltung von Großkunden in Betracht gezogen werden müsse.

Tatsächlich leidet die Energiewirtschaft unter einem strukturellem Problem: Das Netz steckt noch im Atomzeitalter fest. Die jahrzehntealte Technik ist auf Großkraftwerke ausgerichtet, die zumeist in der Nähe der Städte stehen. Doch der derzeitige Trend geht in Richtung dezentrale Produktion. Immer mehr Anlagen entstehen vor den Küsten Norddeutschlands und auf den Äckern der Agrargenossenschaften in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Vor Ort blüht die neue Flexibilität, doch die Transportwege haben sich dieser rasanten Entwicklung noch nicht angepasst.

Das Stromnetz lässt sich mit dem Verkehrssystem vergleichen: Es ähnelt Autobahnen, Bundes-, Land- und Gemeindestraßen. Insgesamt stehen 1 731 696 Kilometer zur Verfügung, die sich in Leitungen für Höchstspannung, Hochspannung, Mittelspannung und Niederspannung unterteilen. Nach Schätzung der Deutschen Energie-Agentur sind bis 2020 bis zu 4450 Kilometer neue Stromautobahnen notwendig. Sie sollen Ersatz heranschaffen für die Atommeiler, die bisher mehr als die Hälfte des Stroms produzieren, den die Süddeutschen verbrauchen.

Doch nicht alle Experten kommen zu der gleichen Einschätzung wie die Netzbetreiber. So hält sich Matthias Kurth, Chef der Bundesnetzagentur, deutlich zurück: „Die Lage ist kritisch, aber dennoch beherrschbar.“ Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen tritt Befürchtungen entgegen, dass es durch die gegenwärtige Abschaltung von 13 der 17 deutschen Atomkraftwerke zu flächendeckenden Stromausfällen kommen könnte. Das Netz sei auf Spitzenlasten ausgelegt, so dass Ausfälle kompensiert werden könnten, sagte Verbandschef Gerd Billen.

Die Grünen wittern hinter dem Warnruf der Netzbetreiber ohnehin den Versuch, den Ausstieg zu torpedieren: „Die Warnung vor Blackouts aufgrund angeblicher Netz-Instabilität ist Panikmache der Atomlobby. Die Netzdaten müssen endlich veröffentlicht werden. Die Stromnetze und damit die Energiezukunft gehören unter öffentliche Kontrolle“, fordert Sven-Christian Kindler, Grünen-Bundestagsabgeordneter aus Hannover.

Ein unerwarteter Zwischenruf ist dagegen aus Paris zu hören. Nobuo Tanaka, Chef der Internationalen Energieagentur IEA, warnt vor einem deutschen Alleingang beim Atomausstieg: „Es geht nicht um ein deutsches, es geht um ein europäisches Problem.“ Der schnelle Ausstieg könne die Versorgungssicherheit in ganz Europa aufs Spiel setzen. Im Interesse der Region sollte Berlin eine gemeinschaftliche Entscheidung in der EU anstreben, sagte Tanaka der „Financial Times Deutschland“.

Es mag Zufall sein, aber erst vor wenigen Tagen ist dem Bundestag eine bedrückende Studie zugegangen. Der Ausschuss für Technikfolgenabschätzung wollte wissen, wie sich ein zweiwöchiger Stromausfall auswirkt, der auf mehrere Bundesländer übergreift. Die Studie kommt zu drastischen Ergebnissen: Die gesamte Telekommunikation und Informationstechnik würde brachliegen. Ohne Strom fallen TV-Geräte, Computer und Kühlschränke aus. Wenn die Pumpen der Wasserwerke nicht arbeiten, läge bald die Wasserversorgung brach. Autos könnten nicht mehr betankt werden, da die Elektropumpen an den Zapfsäulen nicht mehr funktionieren. Die Mobilität der Menschen käme nach und nach zum Erliegen. Die Forscher gehen davon aus, dass es bereits nach wenigen Tagen zu ernsthaften Engpässen in der Versorgung mit Nahrungsmitteln kommt. Besonders schwierig sei die Lage von schwerkranken Patienten.

Die Katastrophenschützer geben deshalb Ratschläge, wie sie noch aus Zeiten des Kalten Krieges bekannt sind: Jeder Haushalt sollte sich einen Vorrat an Zündhölzern, Kerzen, Batterien, Wasser und haltbaren Lebensmitteln zulegen, um die schlimmsten Tage zu überstehen.

24.05.2011 / HAZ Seite 3 Ressort: BLIZ

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