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TAZ Nord: Der Grüne Sven Kindler über die Krise “Wir sind in einer historischen Situation”

Montag, Juni 14th, 2010
Artikel erschienen in der TAZ Nord, am 14. Juni 2010
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Auch der junge Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler muss mal abschalten, beim Fußball oder beim Badminton. Sich an der Krisen-Diskussion zu beteiligen, ist “Staatsbürgerpflicht”, sagt er.

INTERVIEW: BENNO SCHIRRMEISTER

taz: Herr Kindler, tagt der Haushaltsausschuss mittlerweile nonstop?

Sven-Christian Kindler: Ganz so weit ist es noch nicht.

Aber Nachtsitzungen gibts schon öfters?

In den letzten Wochen war es sehr turbulent, noch verschärft durch das schwarz-gelbe Chaos mit Köhler-Rücktritt und Dauerstreit: Erst hatten wir das Eilverfahren zu den Kredithilfen für Griechenland, dann das zu denen für den gesamten Euro-Raum, es gab Anhörungen, Beratungen mit dem Ministerium, – es sind sehr stürmische Zeiten gerade, und es geht um historische Entscheidungen …

Und Sie als Parlaments-Neuling mitten drin: Hätten Sie nicht manchmal gern mehr Routine?

Dass ich neu im Parlament bin kann auch ein Vorteil sein …

Weil Ihnen niemand die unsoziale Sparpolitik der rot-grünen Regierung vorwerfen kann?

Es gab positive Erfolge unter Rot-Grün, wir brauchen aber auch eine kritische Analyse der rot-grünen Regierungszeit. Das ist wichtig. Wir sind da bei den Grünen seit Beginn der Oppositionszeit auch gut vorangekommen, die Beschlüsse zur Friedenspolitik, zur Grundsicherung und Infrastrukturausbau, der Green New Deal – das geht für mich alles in die richtige Richtung. Aber Vor- oder Nachteil – das lässt sich nicht verallgemeinern. Langjährige Parlamentserfahrung ist sicher etwas wert. Umgekehrt kann ich gerade dadurch, dass ich neu reinkomme, also mit neuen Ideen und anderem Hintergrund, auch andere Schwerpunkte setzen. Es ist so, dass es gerade sehr spannend ist – für alle.

Dabei bleibt das Thema unpopulär: Jeder weiß, da ist die Krise. Aber wer will sie schon an sich heranlassen?

Es spüren sehr viele Menschen, dass sich etwas grundlegend ändern muss, dass es so nicht mehr weitergehen kann: Da ist die Angst vor der Verschuldungskrise, die eine Folge der Finanz- und Verteilungskrise ist. Und dann haben wir noch verschiedene andere Krisen, die wir nicht vergessen dürfen, die Klimakatastrophe, die globale Hungerkrise, die Spaltung zwischen Arm und Reich …

Ja eben! Da sagt doch jeder: Bleib mir damit bloß vom Leibe, ich bin froh, wenn ich das verdrängt bekomme: Ich will jetzt lieber Fußball gucken – oder spielen. Nur Sie nicht?

Klar muss auch ich mal abschalten, wenn ich Fußball spiele oder Badminton, wenn ich mich mit meinen Schwestern oder meinen Eltern treffe, ein Buch lese – im Park in der Sonne: Manchmal mache ich auch Feierabend nach einem 14 Stunden-Tag. Mir ist es ja auch wichtig, auf dem Boden zu bleiben – also mich eben nicht zu sehr an den Betrieb anzupassen und auch mit Freunden und meinen Mitarbeitern zu reflektieren, was hier so läuft: Das sind ja schon krasse Machtstrukturen, hier in Berlin.

Aber?

Ich glaube, es wird zu viel verdrängt. Wir sind gerade in einer historischen Situation. Es entscheidet sich jetzt: wie geht es weiter mit Europa, wie mit der Euro-Zone und ob die Finanzmärkte stärker reguliert werden. Dass das jetzt nicht vor die Wand gefahren wird, ist für alle wichtig. Da wünsche ich mir manchmal mehr Bewusstsein dafür, dass das eben nicht “business as usual” sein kann – sondern, dass man dafür grundlegende Strukturreformen angehen muss.

Bloß signalisiert das politische Handeln ja gerade keinen Aufbruch: Erst Griechenland-Hilfe, dann Euro-Stütze – man hechelt den Ereignissen hinterher. Das ist doch frustrierend! Ist nicht Ohnmacht das Leitmotiv der aktuellen Haushaltspolitik?

Also ich resigniere nicht. Und inhaltlich war ich sowohl für die Griechenland-Kredithilfen als auch für die Euro-Rettungsmaßnahmen. Makroökonomisch halte ich das auch nach wie vor für sinnvoll. Allerdings habe ich große Kritik an der Bundesregierung …

… weil das Ja für die Griechenland-Hilfen zu spät kam?

Auch: Das hat es nicht nur teurer gemacht für Deutschland, das hat uns auch in der EU viel Ansehen gekostet. Und, dass weder Angela Merkel noch Guido Westerwelle auf die unerträglichen nationalistischen Ressentiments reagiert haben, die sich da auf dem deutschen Boulevard breit gemacht haben und oft genug auch in ihren eigenen Parteien, das war ein schwerer politischer Fehler. Aber die strukturellen Probleme sind ja viel dringlicher.

Welche?

Zum Beispiel wäre es nötig, eine aktive Finanzmarktregulierung voranzutreiben. Das geschieht aber nicht. Dann haben wir eine Währungsunion – aber noch immer keine abgestimmte europäische Wirtschaftspolitik. Man müsste die Haushalts-, die Steuer- und die Finanzpolitik koordinieren. Außerdem droht Europa, in die Rezession abzudriften, wenn überall harte Kaputtsparprogramme aufgelegt werden. Das wird die Verschuldung vergrößern und die Leistungsbilanzungleichgewichte verschärfen.

Warum?

Um da hinzukommen müsste auch Deutschland beispielsweise mit sozial-ökologischen Investitionen und einem gesetzlichen Mindestlohn seine Binnenkonjunktur stärken und seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen. Das alles müsste in den nächsten drei Jahren passieren, also bis die Kredithilfen auslaufen. Und da bin ich sehr skeptisch – und dass sich da so wenig rührt, ist auch ein Stück weit frustrierend.

Aber das würde ja auch bedeuten, noch mehr Schulden zu machen, deren Zinseszinsen auch Ihre Enkelkinder noch nicht abgezahlt haben. Haben Sie das Ziel der Generationengerechtigkeit ganz vergessen?

Natürlich nicht. Selbstverständlich muss man die Schulden begrenzen – aber doch nicht, indem man den Staat kaputtspart. Das wäre der falsche Weg.

Und Sie kennen den richtigen?

Mindestens einen gerechteren: Dazu gehört für mich, dass der sehr große Teil der Krisenlasten durch die Wohlhabenden getragen werden müsste.

Und wie soll das gehen?

Ich denke, dafür brauchen wir einen Dreiklang aus gerechten Steuererhöhungen, gerechten Strukturreformen und gerechten Einsparungen.

Schön. Und was heißt das?

Es kann doch einfach nicht gerecht sein, dass bei uns Vermögen so gering besteuert werden: Wenn wir da den Satz nur auf den Durchschnitt der Industrienationen anheben würden, nähmen wir rund 25 Milliarden Euro jährlich mehr ein. Das Gleiche gilt für den Umweltverbrauch. Auch da liegen wir im europäischen Vergleich ja niedrig. Es müssten also ökologisch schädliche Subventionen abgebaut und die Ökosteuer angehoben werden: Das ist ja eine Mengensteuer.

Sie wird pro verkaufter Einheit erhoben, klar.

Das führt aber dazu, dass es keinen Inflationsausgleich gibt: Um bei der Mineralösteuer auf das Einnahmenniveau von 2005 zu kommen, müsste die um 7,3 Cent pro Liter angehoben werden. Außerdem bräuchten wir ein aktives Controlling des Staates. Das betrifft viele öffentliche Strukturen, einschließlich der Versorgung von MinisterInnen und Abgeordneten – oder fänden Sie es vielleicht gerecht, dass wir nicht in die staatliche Rentenversicherungen einzahlen müssen? Und sparen muss man, drittens, auch – aber eben gerecht.

Das geht?

Warum denn nicht? Es gibt Bereiche wo man sparen kann: Die Wohnungsbauprämie, die Pendlerpauschale, der Bau des Berliner Stadtschlosses, das nationale Raumfahrtprogramm, die Förderung der privaten Altersvorsorge.

Ui, das hören jetzt die Bremer ungern: Das Raumfahrtprogramm ist doch da ein großer Jobmotor. Sind so große Entwürfe wie Ihr “grüner Sanierungsplan” nicht untauglich, weil niemals konsensfähig? Ist Merkels Politik der kleinen Schritte nicht wirklich alternativlos?

Alternativlos ist nur, dass wir uns jetzt Gedanken darüber machen, wie wir in den nächsten 30 Jahren leben wollen. Denn unsere Finanz- und Haushaltspolitik angesichts der Krise entscheidet zentral über unsere künftige Gesellschaft. In diese Diskussion müssen sich BürgerInnen, Initiativen, Zivilgesellschaft und Verbände einbringen. Und dafür ist mein Konzept da, dafür stelle ich es auf öffentlichen Veranstaltungen und im Internet zur Debatte.

Aber mit welchen Erfolgsaussichten?

Natürlich gibt es starke Lobbygruppen, die verhindern wollen, dass wir eine generationengerechte, aber auch ökologische und soziale Haushalts- und Finanzpolitik machen. Das ist mir klar. Aber wir müssen jetzt damit anfangen. Weil wir ja wissen: So wie wir haushalten, arbeiten und leben – das ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen da ran.

—–

lebt in Hannover und vertritt – als jüngster Abgeordneter der Bundestagsfraktion – die Grünen im Haushalts- und im Rechnungsprüfungsausschuss. Bis zur Wahl war er einerseits Sprecher der Grünen-Jugend Niedersachsen, andererseits Controller bei der Bosch Rexroth Pneumatics GmbH, wo er zuvor den betrieblichen Part seines Dualen Studiengangs BWL an der Leibniz-Akademie absolviert hatte. Zu den Grünen gekommen ist Kindler über die Pfadfinder: Prägend sei diese Zeit nicht nur wegen klassischer Naturerfahrungen gewesen, sondern eben auch durch die Konfrontation mit dem Thema Armut/Hartz IV. Kindler ist Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne, das als rot-rot-grüner Think-Tank gilt und Mitinitiator der informellen “Oslo-Gruppe”.

Sein “Grüner Sanierungsplan” sucht Wege aus der Wirtschafts- und Finanzkrise – und soll eine breite Debatte anregen. Online lässt die sich unter www.gruener-sanierungsplan.de führen.

„Jung und älter – zusammen in der Politik“ – Erinnern für die Zukunft

Donnerstag, Februar 25th, 2010
10. März 2010
19:00 bis 21:00

Shoa-Überlebender Salomon Finkelstein im Zeitzeugengespräch bei der Grünen Jugend Hannover

Mittwoch, 10. März, 19 Uhr, Grünes Zentrum, Senior-Blumen-Gang 1

Am Mittwoch, den 10. März 2010 kreuzen sich bei der Grünen Jugend in Hannover drei Lebenswege, die verschiedener nicht sein könnten. Gemeinsam wollen wir voneinander und  füreinander  erzählen, um deutlich zu machen: Auschwitz darf nicht vergessen werden, weil sich Auschwitz nicht wiederholen darf!

Einen dramatischen Leidensweg, der so einzigartig und zugleich so exemplarisch für das Schicksal der vielen verfolgten Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus ist, durchlebte Salomon Finkelstein. Der 1922 in Polen geborene Hannoveraner überlebte Ghetto, Arbeitslager und KZ’s. Er hält fest: „Auschwitz kann man nicht beschreiben“ und dennoch unternimmt er in unermüdlicher Kraftanstrengung immer wieder den Versuch, das was er erfahren hat, in Worte zu fassen. Salomon Finkelstein ist es wichtig seine Geschichte zu erzählen, um daraus für dieGegenwart und Zukunft zu lernen.

Die grüne Bürgermeisterin aus Hannover Ingrid Lange – ihr Vorbild ist Sophie Scholl – ist 15 Jahre später in Deutschland geboren und verbrachte ihre ersten Kinderjahre weitgehend unbeschwert in Nazi-Deutschland.

Keine zwei Menschen könnten deutlicher machen, wie sich zwei Lebenswege, die fast parallel verlaufen, in Glück und Leid unterscheiden können.

Der 25-jährige grüne Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler will an diese beiden Lebensgeschichten, die so unterschiedlich verlaufen sind und sich trotzdem oder auch gerade deswegen in Hannover kreuzen, anknüpfen. Für den Hannoveraner ist das Gedenken an die NS-Vergangenheit nicht nur ein persönliches Herzensanliegen, sondern er versteht sie auch als Pflicht für seine und künftige Generationen. Seit vielen Jahren engagiert er sich gegen Nazis, Rassismus und Antisemitismus und hat am Anfang des Jahres auch auf seiner Reise in den Nahen Osten die Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem besucht und mit dem Ausschwitzüberlebenden Yehuda Bacon gesprochen.

Auch bei diesem Termin von „Jung und älter zusammen in der Politik“ wollen die beiden  grünen PolitikerInnen Ingrid Lange und Sven-Christian Kindler Geschichten zwischen den Generationen erzählen und Erfahrungen austauschen, um aus der Geschichte zu lernen: Für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft!

Wir freuen uns über viele Gäste und auf interessante Gespräche!

“Für die Zukunft brauchen wir Gerechtigkeit” – Rede von Sven-Christian Kindler im Deutschen Bundestag

Freitag, Januar 22nd, 2010

Sven-Christian Kindler (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren!

Es wird allgemein behauptet, Ursula von der Leyen habe als Familienministerin das Weltbild der Union verändert, die Union neu aufgestellt, die Union modernisiert. Man muss zugeben: Mit der Einführung des Elterngeldes ‑ dessen Bezug auch an Vätermonate geknüpft wurde ‑ und mit der Einführung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter 3 Jahren ab 2013 hat die Union, gerade die konservative Union, eine gute Leistung erbracht. Das muss man lobend anerkennen.

(Ute Kumpf (SPD): Du bist falsch informiert! Das war die SPD!)

‑ Die SPD war beteiligt; aber die SPD war damals schon weiter als die Union.

Die Frage bleibt, ob die Union wirklich ihr gesellschaftliches Weltbild verändert hat. Schauen wir uns das an: Gleich nachdem der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter 3 Jahren festgeschrieben war, hat die CSU quergeschossen und gefordert, dass Eltern, die ihr Kind lieber zu Hause betreuen wollen, Geld dafür bekommen sollen, ein sogenanntes Betreuungsgeld.

(Beifall der Abg. Dorothee Bär (CDU/CSU))

Das war ein Fehler.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Der Streit geht in der neuen Koalition weiter. FDP und CSU streiten sich jetzt um die Frage „Gutscheine oder Barauszahlung“, obwohl dieser Streit nur davon ablenkt, dass das Betreuungsgeld an sich einfach widersinnig ist. Auf der einen Seite werden Betreuungseinrichtungen ausgebaut, was richtig ist, und auf der anderen Seite werden Anreize geschaffen, die neuen Kitas zu meiden und die Kinder eben nicht dorthin zu schicken. Wo ist denn da die Logik? Das ist doch abstrus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ‑Dorothee Bär (CDU/CSU): Wahlfreiheit heißt das!)

Wichtig ist beim Ausbau der U-3-Betreuung, dass es nicht allein um die Betreuung geht, sondern vor allen Dingen um Bildung und Integration, damit alle Kinder gute Startchancen haben. Gerade die Kinder aus bildungsfernen Schichten brauchen Betreuung in gut ausgestatteten Kitas und Kinderbetreuungsstätten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

In Thüringen kann man heute schon sehen, was passiert, wenn ein Betreuungsgeld eingeführt wird. Kinder aus bildungsfernen Schichten wurden massenhaft von den Kitas abgemeldet. Frau Köhler, es ist jetzt an der Zeit, sich zu entscheiden und Stellung zu beziehen, in welche Richtung es gehen soll. Wollen wir vorwärts in eine moderne Zukunft mit gerechten Startchancen für alle Kinder, oder geht es mit der Herdprämie zurück in die Vergangenheit, wo Frauen dafür belohnt werden, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen, und wo Kinder aus bildungsfernen Schichten dabei hinten runterfallen? Ich kann Ihnen nur raten, Frau Köhler, dieses Betreuungsgeld so schnell wie möglich zu entsorgen; es ist unsozial und integrationsfeindlich, und es fördert die Spaltung der Gesellschaft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Das Betreuungsgeld ist auch keine Maßnahme, die wirklich Kinderarmut bekämpft. Das Thema Kinderarmut wird seit Jahren intensiv diskutiert. Geändert hat sich trotz vieler Absichtserklärungen leider nichts. Viel zu viele Kinder in unserer Gesellschaft sind weiterhin von Armut betroffen. Ein Viertel aller Kinder unter 15 Jahren, 26 Prozent, sind nach Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ in der Bundesrepublik vom Armutsrisiko betroffen. Das heißt, jedes vierte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Es gibt verschiedene Untersuchungen, warum dies trotz der vielfältigen Leistungen für Familien so ist. Unter anderem erforscht das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen für das Familienministerium, welche Wirkungen auf Kinderarmut Leistungen wie Ehegattensplitting, Kinderzuschlag, Elterngeld und das Kindergeld haben. Anstatt jetzt aber einen Abschlussbericht durch dieses Kompetenzzentrum vorlegen zu lassen, wird dieser Expertenzirkel still und heimlich geschlossen und im Haushaltsentwurf für 2010 ein neues Kompetenzzentrum für nachhaltige Familienpolitik eingerichtet. Da drängt sich schon die Frage auf, ob das Ministerium gar kein Interesse daran hat, dass das alte Kompetenzzentrum einen Abschlussbericht vorlegt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN ‑ Miriam Gruß (FDP): Dass da die SPD mitklatscht, ist schon der Hammer!)

Wie wir alle wissen, haben wir kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Eigentlich wissen wir, worum es bei Kinderarmut geht. Ein Umsetzungsproblem haben wir zum Beispiel im Hinblick auf das Ehegattensplitting. Es ist offensichtlich, dass das Ehegattensplitting nicht der Förderung von Kindern dient. Insbesondere kinderlose Ehepaare profitieren von den steuerlichen Vorteilen, und gleichzeitig wird für Frauen ein Anreiz gesetzt, zu Hause zu bleiben und keiner Erwerbsarbeit nachzugehen.

(Ingrid Fischbach (CDU/CSU): Ich gebe Ihnen mal die Studie des DIW!)

Deswegen ist es jetzt an der Zeit, bei der steuerlichen Förderung von Familien nicht mehr die Ehe, sondern die Kinder in den Vordergrund zu stellen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Jetzt entgegnet die Bundesregierung natürlich: Wieso, wir haben doch die Leistungen für Kinder im Rahmen des „Schuldenbeschleunigungsgesetzes“ erhöht. Kinder in Gutverdienerfamilien bekommen wegen der Erhöhung des Freibetrages knapp 40 Euro, 20 Euro Kindergeld gibt es, wenn die Eltern durchschnittlich verdienen, und genau null Euro, nämlich gar nichts, überhaupt nichts, gibt es für die 1,8 Millionen Kinder, die in Hartz-IV-Familien leben. So bekämpft man keine Kinderarmut. Im Gegenteil, so vergrößert man die Spaltung und die Chancenungleichheit zwischen armen und reichen Kindern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Die Entlastung für Besserverdienende, für Erben, für Unternehmen, für Mövenpick ist nicht nur unsozial, sondern sie vergrößert die sowieso schon hohen Defizite, die hohen Schulden in Bund, Ländern und Kommunen um weitere 8,5 Milliarden Euro. Mit 8,5 Milliarden Euro entlasten Sie im Wachstumsbeschleunigungsgesetz Ihre Klientel; aber dieses Geld fehlt an anderer Stelle. Es fehlt, um die notwendige Erhöhung der Kinderregelsätze zu finanzieren. Es fehlt beim Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge. Gerade die öffentliche Daseinsvorsorge bei der Bildung, beim öffentlichen Nahverkehr, bei Büchereien und Kultureinrichtungen ist bei der Schaffung von Chancengleichheit und gerechten Perspektiven für Kinder und Jugendliche so entscheidend. Generationengerechte Politik würde hier wirklich Schwerpunkte setzen und neben massiven Investitionen in Klimaschutz auch Investitionen in die Kindergrundsicherung, Bildung und öffentliche Daseinsvorsorge tätigen. Das wäre generationengerecht, weil davon die jetzige und zukünftige Generationen profitieren würden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Deswegen fordere ich Sie auf, Frau Köhler: Stoppen Sie diese teure Klientelpolitik, und setzen Sie sich für eine gerechte Zukunft der Kinder und Jugendlichen ein!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ich will noch auf das Thema Generationengerechtigkeit eingehen. Generationengerechtigkeit heißt nicht, dass man junge Menschen gegen alte Menschen ausspielt, wie es leider von manchen jungen Liberalen oder jungen Konservativen gerne gemacht wird. Ich erinnere nur an die Debatte über künstliche Hüftgelenke.

(Widerspruch bei der CDU/CSU)

Generationengerechtigkeit muss auch immer Generationensolidarität sein. Gerade angesichts des demografischen Wandels brauchen wir Antworten darauf, wie wir solidarisch zusammen in einer Gesellschaft leben wollen, die schrumpft und die älter, bunter und vielfältiger wird. Deswegen sollten sich alte und junge Menschen gemeinsam für einen guten ÖPNV, mehr und bessere Jugendzentren, Bibliotheken, Sportvereine und kulturelle Initiativen einsetzen. Gerade junge und alte Menschen sind besonders auf eine wohnortnahe Infrastruktur angewiesen.

Doch alle diese Angebote müssen wahrscheinlich wegen der schlimmen Kassenlage der Kommunen, die durch das Schuldenbeschleunigungsgesetz noch verstärkt wird, gekürzt werden oder wegfallen. Das ist nicht nur im Hinblick auf Kinder- oder Altersarmut fatal. Es ist auch katastrophal für das Engagement gegen Rechtsextremismus; denn Rechtsextreme stoßen gezielt in diese Lücke vor mit Angeboten für Jugendliche, die auf der Suche nach Orientierung sind. So gibt es Konzerte mit rechter Musik, oder man kann Fußball spielen, zusammen etwas unternehmen.

(Georg Schirmbeck (CDU/CSU): Aber die Linksextremisten sind schon im Bundestag! Da sollten Sie sich mal was einfallen lassen! Das ist die Wahrheit! Die gehören aus dem Bundestag heraus! – Gegenruf der Abg. Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist jetzt aber kein Thema!)

Das ist eine perfide, aber leider zum Teil auch erfolgreiche Strategie, weil die Kommunen entsprechende Angebote kürzen oder einstellen. Wir dürfen dazu nicht schweigen oder wegschauen; wir müssen das unterbinden. Wir müssen die Kommunen mit den notwendigen finanziellen Mitteln für den Kampf gegen Rechtsextremismus ausstatten. Insbesondere die zivilgesellschaftlichen Organisationen brauchen eine verlässliche Unterstützung beim Kampf gegen Nazis.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Am Montag hat Ministerin Köhler im Ausschuss angekündigt, dass sie die Bundesmittel für den Kampf gegen Rechtsextremismus auf alle Extremismusformen ausweiten will; Kollege Bockhahn hat das bereits angesprochen. Am Dienstag, also nur einen Tag später, zauberte sie dann plötzlich 2 Millionen Euro zusätzlich gegen Linksextremismus und Islamismus aus dem Hut.

(Georg Schirmbeck (CDU/CSU): Das muss auch sein!)

Ich frage mich schon: Was, bitte schön, ist Ihr Plan? Wo ist das Geld im Haushalt veranschlagt? Frau Köhler, erklären Sie uns bitte nachvollziehbar und haushaltstechnisch korrekt, woher dieses Geld kommen soll.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Die größte Bedrohung für unsere demokratische Gesellschaft sind nicht linksradikale Gruppen, sondern extrem rechte und menschenfeindliche Einstellungen in der Gesellschaft.

(Georg Schirmbeck (CDU/CSU): Wer hat Ihnen das aufgeschrieben?)

Allein 2009 gab es über 20 000 von Rechtsextremen begangene Straftaten. Immer wieder werden Menschen von Nazis schwer verletzt oder sogar getötet. Seit der Wende wurden 140 Menschen von Rechtsextremen ermordet. In wenigen Wochen, am 13. Februar, wollen in Dresden wieder viele Tausend Nazis ‑ das ist der größte Naziaufmarsch in Europa ‑ aufmarschieren. Sie werden dabei die Shoa relativieren und deutsche Täter zu Opfern machen. Es ist wichtig, am 13. Februar auf die Straße zu gehen, um den Naziaufmarsch friedlich zu blockieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Das ist das Problem bei dieser Extremismusdebatte: Jede Gleichsetzung des Rechtsextremismus mit anderen Extremismusformen verharmlost die Gewalt und die mörderische Ideologie von Nazis. Die Mittel für Programme gegen Rechtsextremismus und für Vielfalt, Toleranz und Demokratie müssen erhöht werden. Gerade in Problemregionen brauchen wir dringend mehr demokratisch angelegte Angebote als bisher. Ihre Scheindebatten, Frau Köhler, um einen angeblich bedrohlichen Linksextremismus lenken leider in unverantwortlicher Weise davon ab, dass das Problem in Deutschland die Nazis sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Weil es um eine gerechte Zukunft geht, müssen wir jetzt die Weichen richtig stellen und massiv in Infrastruktur investieren, sodass alle Kinder gute Startchancen bekommen. Wir müssen in die Infrastruktur investieren, damit die Daseinsvorsorge für alle Generationen gesichert ist und der Kampf gegen Rechtsextremismus erfolgreich geführt werden kann. Für die Zukunft brauchen wir Gerechtigkeit.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Die ganze Rede in pdf

Jung und Älter zusammen in der Politik an der IGS Roderbruch

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009
11. Dezember 2009
11:55 bis 12:40

jung-und-alter-zusammen-in-der-politikIngrid Lange ist mit 71 Jahren grüne Bürgermeisterin von Hannover und Sven-Christian Kindler ist mit 24 Jahren jüngster Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag und für die Region Hannover zuständig.

Zentrales Thema des Projektes „Jung und älter zusammen in der Politik“ ist es, für Generationengerechtigkeit einzutreten. Durch gemeinsame Besuche in Einrichtungen und Organisationen wollen sich die beiden PolitikerInnen mit den verschiedenen Altersgenerationen über Wünsche, Interessen und Ängste austauschen und für mehr Solidarität und Verständnis zwischen Jung und Älter sorgen. Der letzte Termin hat im „Oekomenischen Altenzentrum Ansgarhaus“ in Hannover stattgefunden.

Nun planen die beiden PolitikerInnen durch einen Besuch an der IGS Roderbruch am 11.12. die Anliegen von jungen SchülerInnen aufzugreifen. Hierbei wird es um das Bildungssystem, Leistungsdruck und um konkrete Zukunftsängste gehen. Gleichermaßen wollen sie in Gesprächen aber auch das Verhältnis zu den älteren Menschen thematisieren. Was konkret bedeutet Generationengerechtigkeit vor dem Hintergrund des demografischen Wandels? Sven-Christian Kindler und Ingrid Lange sind durch ihre politischen Verantwortungen in Kommune und Bund und ihrem Altersunterschied von 48 Jahren die geeigneten Gesprächspartner für dieses Thema.

Kindler für die Grünen im Haushaltsausschuss

Mittwoch, November 25th, 2009

Der Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler ist das jüngste Mitglied im Haushaltsausschuss des Parlaments. Am heutigen Mittwoch tagte das 41-köpfige Gremium, das für die parlamentarische Kontrolle des Bundeshaushalts in Höhe von 300 Milliarden Euro zuständig ist, zum ersten Mal seit der Bundestagswahl.

Kindler, der für die Grünen im Wahlkreis Rotenburg-Soltau-Fallingbostel kandidiert hatte und über die grüne Landesliste in den Bundestag eingezogen ist, wurde von seiner Fraktion einstimmig für den Haushaltsausschuss nominiert. “Als Vertreter der jungen Generation möchte ich mich hier insbesondere für Generationengerechtigkeit stark machen. Dies bedeutet, dass wir neben der Begrenzung der Verschuldung gerade in Zeiten der Krise auch wichtige Zukunftsinvestitionen – also Investitionen in Bildung, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit – nicht vernachlässigen dürfen.”, machte der junge Grüne deutlich. Um dies zu finanzieren, setzen sich die Grünen für die Einführung einer Vermögensabgabe, eine höhere Besteuerung von Spitzeneinkommen sowie eine Verbreiterung der Erbschaftsteuer ein.

Kindler ist studierter Betriebswirt und hat vor seiner Wahl in den Bundestag als Controller für Bosch Rexroth gearbeitet. Neben seiner Arbeit im Haushaltsausschuss wird der 24-jährige auch als stellvertretendes Mitglied im Finanzausschuss des Bundestags tätig sein.

Portrait in der HAZ: “Die neue Ernsthaftigkeit der Jungen”

Mittwoch, Oktober 14th, 2009

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Artikel “Die neue Ernsthaftigkeit der Jungen” als PDF lesen.

“Auf Stellensuche in Berlin” – HAZ-Artikel über junge PolitikerInnen

Mittwoch, September 9th, 2009

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HAZ-Artikel als PDF lesen.