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Bericht über die diesjährige Sommertour von Sven-Christian Kindler in der Region Hannover

Donnerstag, August 26th, 2010

In der Woche vom 16.-22. August hat Sven-Christian Kindler seine Sommertour durch die Region Hannover gemacht.

In diesem Rahmen hat er regionale Initiativen, Verbände, Einrichtungen und Unternehmen besucht, ist mit Mitgliedern der grünen OVs, Stadtteilgruppen, der Grünen Jugend und Campus Grün ins Gespräch gekommen und hat zum Wandern, Kanufahren, Fahrrad fahren und ins Kino eingeladen.

Berichte hier:

Ein Tag am Steinhuder Meer

Am Montag, den 19.8.2010 verbringt Sven-Christian Kindler zusammen mit Ulrich Schmersow (Regionsabgeordneter, umweltpolitischer Sprecher), Meike Holste (Fraktionsvorsitzende Wunstorf), Eberhard Röhrig -van der Meer (Geschäftsführer Umweltzentrum Hannover) und weiteren Interessierten einen sehr interessanten Tag am Steinhuder Meer, um sich über das Natur- und Artenschutzgebiet Moor zu informieren. Wolfgang Fiedler (Leiter des Team West der unteren Naturschutzbehörde) und Wolfgang Nülle (Diplom Biologe) stellen die Probleme des Lebensraum Moor im Naturpark Steinhude vor und erläutern, welche Maßnahmen bereits getroffen wurden, um diese zu beheben: Eine seltene, vom aussterben bedrohte Nerzart wird wieder ausgewildert; das Moor, aufgrund von Umweltzerstörungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend ausgetrocknet, wird durch Naturschutzmaßnahmen wieder in seinen natürlichen Zustand versetzt.

Nach einer anschließenden Führung durch das Naturpark-Infozentrum Steinhude, wo der Bundestagsabgeordnete u.a vom Regionsdezernenten Prof. Dr. Axel Priebs begrüßt wurde, geht es dann mit dem Boot „Auswanderer” über das Steinhuder Meer zur Inselfestung Wilhelmsstein. Hier gibt Michael Zobel (Verwalter der Inselfestung) eine spannende Führung durch die Festungsanlagen und informiert über die Lebensbedingungen der Soldaten im 17. Jahrhundert auf der künstlich angelegten Festung.

Presse zum Termin

Sven-Christian Kindler, jüngster Abgeordneter der Grünen diskutierte mit Auszubildenden in den Euro-Schulen


Am 17. August 2010 hat Sven-Christian Kindler, Mitglied des Deutschen Bundestages und jüngster Oppositionsabgeordneter, in den Euro-Schulen  in Burgdorf eine Politikstunde der besonderen Art gegeben. Im Rahmen seiner Sommertour hat er Auszubildende besucht, die an von der Agentur für Arbeit und den Euro-Schulen Hannover organisierten Nachhilfekursen (den sogenannten ausbildungsbegleitenden Hilfen) teilnehmen und hier den Berufsschulstoff nacharbeiten.

Da auch Politik auf dem Stundenplan der Azubis steht, aber gerade dieses Fach bei den meisten als unbeliebt und langweilig gilt, hat Kindler an diesem Tag quasi „Politik zum Anfassen aus 1. Hand“ geboten.

Das Spektrum der Fragen an den Politiker, der mit seinen 25 Jahren bereits im Haushaltsausschuss des Bundestages sitzt, reichte von Wehrpflicht und Afghanistaneinsatz der Bundeswehr bis zu Mindestlöhnen, Rente mit 67, Generationengerechtigkeit und Klimawandel.

Sven-Christian Kindler (25), der sich besonders für eine gerechte Zukunft für die Jugend einsetzt, ermunterte die Jugendlichen am Ende der Diskussion auch, sich für ihre eigenen Interessen stark zu machen, z.B. gemeinsam mit und in der Gewerkschaft für Übernahmegarantien der Betriebe nach Ende der Ausbildung zu kämpfen.

Detlef Knauer, pädagogischer Mitarbeiter bei der Euro-Schulen, der das Zusammentreffen zwischen Abgeordnetem und Azubis organisiert hatte, war über die engagierte Diskussionsrunde hocherfreut und zog ein positives Fazit: „Unterricht darf auch mal Spaß machen und ist heute auch ein Ort gewesen, an dem sich Praxis und Theorie begegnet sind.“

“Teheran without permission”

Bericht über den Filmabend und die Diskussionsveranstaltung zur aktuellen Lage im Iran

Im Rahmen seiner Sommertour veranstaltete der hannoversche Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen am Donnerstag den 19.8.2010 einen Kinoabend zur aktuellen Lage im Iran mit anschließender Diskussion.

Zahlreiche Gäste kamen in das Lindender Apollo-Kino, um den Film  “Teheran without permission” zu sehen, den die Regisseurin  Sepideh Farsi ohne offizielle Genehmigung gedreht hat. Auch wenn der Film vordergründig keine politische Aussage enthält, sind es vor allem die Sequenzen aus Alltagssituationen und Statements verschiedenster Menschen – allesamt mit einer Handykamera aufgenommen – die die widersprüchliche und brodelnde Atmosphäre Teherans für die Kinobesucher spürbar machen.

Nach der Vorführung werden der iranische Politikwissenschaftler Javaher Haghighi und die Iranexpertin von Amnesty International, Peggy Kupiers, von Sven-Christian Kindler auf der Bühne begrüßt. Sie bedanken sich dafür, dass der Bundestagsabgeordnete diesem Thema ein Jahr nach den offenkundig gewordenen manipulierten Wahlen und den darauf folgenden blutigen Protesten, eine politische Plattform verleiht. Dies sei besonders jetzt wichtig, da sich die Medien und die Weltöffentlichkeit längst anderen Dingen zugewendet haben.

Javaher Haghighi beschreibt den Hergang der Proteste vor einem Jahr und zieht daraus Schlüsse für die  aktuelle Lage im Iran: Er macht dabei deutlich: Die fortschrittlichen Kräfte aus Studierenden- und Frauenbewegung sowie der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die für Demokratisierung, Säkularisierung und sozialen Fortschritt auf die Straße gingen, werden versucht vom Regime um Ahmadinedschad mundtot zu machen, doch der Protest brodelt im Untergrund weiter.

Peggy Kurpiers schildert sehr eindringlich die Auswirkungen der Proteste: willkürliche Verhaftungen, gravierende Menschenrechtsverletzungen, z.B. durch Folter während der Haft, und zunehmende Todesurteile. Die Menschenrechtlerin stellt als Konsequenz die Frage nach der Verantwortlichkeit der Internationalen Gemeinschaft und der Bundesregierung, die sich dabei aufdränge.

Gemeinsam rufen beide dazu auf, durch öffentlichkeitswirksame Aktionen Druck auf die iranische Regierung auszuüben. Schließlich habe sich der Iran durch die Unterzeichnung der Konvention dazu verpflichtet, internationale Menschenrechte zu achten und zu schützen. Auf Nachfrage machen beide sehr deutlich “Nein, wir sind nicht frustriert und wir geben nicht auf, uns für die Menschenrechte im Iran einzusetzen.“ Dabei machen sie den Gästen Hoffnung und räumen Ohnmachtsgefühle aus den Weg: „Wir können nicht die ganze Welt verbessern, aber durch gezielte Aktionen und internationalen Druck können wir kleine Teilerfolge erzielen und zumindest einzelne Menschenleben retten.“

Die beiden Referenten rufen die Gäste eindringlich dazu auf, politisch aktiv zu werden und sich für die Bevölkerung und gegen die untragbaren Zustände im Iran einzusetzen.

Deisterwanderung mit dem OV Barsinghausen

Bei schönstem Wanderwetter kam Sven-Christian Kindler am Sonntag den 22. August 14.00 Uhr mit der S-Bahn in Barsinghausen an und wurde dort von VertreterInnen des DGB und des Grünen OVs herzlich empfangen. Das erste Ziel der Wanderroute war die  Halde (Bergwerksrelikt) mit Aussichtspunkt “Wohnzimmer im Freien” (Kunstprojekt). Hier diskutierte der Bundestagsabgeordnete mit der Bürgerinitiative „Kein Gewerbegebiet auf der Halde“ über ihre Ablehnung gegen den geplanten Kaufland-Supermarkt auf der Halde. Die BI befürchtet, dass bei den Erdarbeiten Schadstoffe, die sich von der alten Schlackensteinfabrik und Kokerei noch im Untergrund befinden könnten, freigesetzt werden. Ilse Saile, vom OV Barsinghausen, umriss bei dieser Gelegenheit auch die Geschichte des Bergbaus in Barsinghausen und erzählte, wie die Preußische Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft den Abbau der Steinkohle einstellte.

Anschließend wanderten die TeilnehmerInnen zur  Freilichtbühne in einem früheren Steinbruch und zum Forellenteich unterhalb des Sporthotels Fuchsbachtal (NFV). Der Rückweg führte zur letzten Station – dem Kloster in Barsinghausen – wo die WanderInnen mit einer Schwester über ihre Arbeit ins Gespräch kamen. Die Bewohnerin machte deutlich, wie wichtig es ist, das Kloster als besonderen Ort der Ruhe zu schützen und betonte, dass viele Menschen in einer schwierigen Lebenssituation hier schon Hilfe erfahren haben.

Die Deisterwanderung hat die  Tradition und mit der Moderne Barsinghausens besonders gut verbunden und führte die TeilnehmerInnen durch wunderschöne Landschaften mit interessanten Stationen. Der Ausflug mit dem Barsinghausener Ortsverband der Grünen war für den Bundestagsabgeordneten aus Hannover der letzte Termin der Sommertour durch die Region.

Presse zum Termin

Das einseitig unsoziale Sparpaket – Rede von Sven-Christian Kindler zur Haushaltspolitik

Freitag, Juli 2nd, 2010

In seiner Rede Rede vom 01. Juli 2010 zum TOP Haushaltspolitik im Deutschen Bundestag kritisiert Sven-Christian Kindler (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN) das Sparpaket der schwarz-gelben Koalition.

Quelle: Deutscher Bundestag

Der Grüne Sanierungsplan

Freitag, Juni 4th, 2010

Für eine gerechte Zukunft: Investieren, sparen, mehr einnehmen und umstrukturieren. Verschuldungskrise, Verteilungskrise, Klimakrise und die Krise der Demokratie gemeinsam bewältigen. Von Sven-Christian Kindler, MdB Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Haushaltsausschuss.

Papier hier als PDF runterladen.

Es ist die mit Abstand größte Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik. Rund 80 Milliarden Euro neue Kredite nimmt der Bund 2010 auf. Bei Einberechnung der Verschuldung in den Schattenhaushalten für die Bankenrettung und die Konjunkturpakete liegt die wahre Neuverschuldung sogar bei 126 Milliarden. Auch die Situation in den Ländern und Kommunen ist sehr ernst. Viele Unionsministerpräsidenten kündigen jetzt schon an, aufgrund der Haushaltskrise an der Bildung und Kinderbetreuung sparen zu wollen. In den meisten Kommunen müssen die Leistungen für Sport, Kultur oder Bibliotheken gekürzt, wichtige Investitionen in die öffentliche Infrastruktur verschoben und Gebühren erhöht werden. An der Zukunft sparen zu wollen ist nicht generationengerecht. Viele Menschen im Land wissen aber auch, dass sich vieles von Grund auf ändern muss, gewisse Privilegien nicht mehr zu halten sind und auch gespart werden muss. Wir brauchen endlich eine generationengerechte Haushalts- und Finanzpolitik. Der Staat gibt an vielen Stellen viel Geld aus, ohne dass die damit verbundenen Ziele erreicht werden. Viele Bürgerinnen und Bürger sind bereit sich an der Sanierung der Staatsfinanzen zu beteiligen. Aber sie wollen, dass es dabei gerecht zu geht. Gleichzeitig ist ihnen auch klar, dass hier und dort, bei den Schulen, bei dem Theater oder der Jugendhilfe ein paar Hunderttausend Euro zu kürzen nicht reichen wird, um diese Gesellschaft zu sanieren. Grundlegende mutige Strukturreformen müssen angepackt werden, um Einsparungen und gerechtere Ergebnisse zu erzielen. Auf Privilegien zu verzichten heißt aber auch, die Niedrigbesteuerung bei Vermögen und Umweltverbrauch zu beenden, um die Einnahmebasis zu verbreitern und die Verschuldung abzubauen.

Die Situation ist dramatisch. Nicht nur die Neuverschuldung im Bund erreichte 2010 einen Rekordhöchststand. Auch der Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung mit minus fünf Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2009 war der mit Abstand stärkste der Nachkriegsgeschichte. In Folge der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise im Kapitalismus seit den 1920ern sind nicht nur etliche Finanzinstitute ins Strudeln gekommen oder bankrott gegangen. Auch die Einnahmen aus Sozialabgaben sowie die Steuern sind deutlich weggebrochen. Wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und den Zusatzkosten für das Kurzarbeitergeld stiegen gleichzeitig die Sozialausgaben und um das Bankensystem und die Konjunktur zu stabilisieren, legt der Staat Rettungspakete für Finanzinstitute und Unternehmen auf. Es war ökonomisch äußerst wichtig, in so einer schweren Rezession mit weltweit kreditfinanzierten staatlichen Konjunkturprogrammen ein weiteres Abrutschen in eine schwere Depression und Massenarbeitslosigkeit zu verhindern. Trotzdem hätten die Konjunkturpakete in Deutschland eine nachhaltigere Wirkung erzielt, wenn der Investitionsanteil gegenüber den Steuer- und Abgabensenkungen größer und die Maßnahmen insgesamt stärker ökologisch ausgerichtet gewesen wären.

Die Höhe der Gesamtverschuldung der Bundesrepublik hat vor allem systematische Ursachen auf der Ausgaben- und Einnahmeseite. Die momentane hohe Neuverschuldung ist aber hauptsächlich durch die schweren Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu erklären. 2008 lag das gesamtstaatliche Defizit bei nur bei 0,1% vom BIP.

Verteilungskrise mitverantwortlich für Finanzkrise

Neben den deregulierten Finanzmärkten ist auch die Verschärfung der Verteilungskrise eine entscheidende Ursache für die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Geschichte zeigt: Vor großen Finanzkrisen ging jeweils auch die Einkommens- und Vermögensverteilung auseinander. Das war 1928 vor der schweren Wirtschaftskrise in den USA so, wo die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung fast die Hälfte des Einkommens verdienten. Mit Roosevelts New Deal nahm die Ungleichverteilung ab und blieb jahrzehntelang relativ konstant. Aber unter Reagan stieg sie seit Anfang der 1980er wieder an, so dass 2006 kurz vor der Krise erneut die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung fünfzig Prozent der Einkommen bezogen. Trotzdem konnten auch die durchschnittlichen US-BürgerInnen über einen massiven Anstieg der privaten Verschuldung durch eine freigiebige Kreditvergabe jahrzehntelang auf Pump konsumieren und damit die Weltwirtschaft in Schwung halten. Der große Vermögenszuwachs bei den Reichen und Superreichen hingegen führte größtenteils nicht zu privatem Konsum oder Investitionen in der Realwirtschaft, sondern wurde auf den Finanzmärkten angelegt.

Auch in Deutschland öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich

In Deutschland nahm die Ungleichverteilung in den letzten Jahren ebenfalls stark zu. Die Löhne sanken für viele Menschen real, die Lohnquote verringerte sich, der Niedriglohnsektor weitete sich extrem aus, das Medianeinkommen sank und mittlerweile besitzen zehn Prozent der Menschen über 60 Prozent des Vermögens in Deutschland. Auch hier wurde der Vermögenszuwachs nicht konsumiert, sondern größtenteils an den Finanzmärkten angelegt. Anders als in den USA gab es aber in Deutschland keinen kreditfinanzierten Konsum der kleineren und mittleren Einkommen. Stattdessen finanzierten die deutschen Banken die Verschuldung für die Leistungsbilanzdefizite in Ländern wie Griechenland, Spanien oder den USA mit, da sich die deutsche Volkswirtschaft aufgrund einer sehr restriktiven Lohnpolitik international große Wettbewerbsvorteile verschaffte und hohe Exportüberschüsse erzielen konnte. Beim dringend notwendigen Abbau der Leistungsbilanzunterschiede in der Euro-Zone sind deshalb nicht nur die Defizitländer gefragt, sondern auch Deutschland muss über eine Stärkung der Binnenkonjunktur, z.B. über einen gesetzlichen Mindestlohn, gezielte sozial-ökologische Investitionen und eine Verringerung des Niedriglohnsektors, seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen. Wieder produktivitätsorientiert steigende Löhne helfen nicht nur den ArbeitnehmerInnen ganz direkt. Sie helfen auch, die Sozialversicherungen und die Beitragssätze zu stabilisieren. Auch die gesetzliche Rentenversicherung hat auf Dauer nur dann eine solide Finanzierung und damit Akzeptanz, wenn die Löhne und Gehälter langfristig steigen.

Verteilungskrise nicht nur ein soziales, sondern auch ein ökonomisches…

Die exzessive Kreditvergabe, die Konzentration von Vermögen bei einigen Wenigen und die Leistungsbilanzunterschiede haben die Wirtschaft und die Finanzmärkte destabilisiert und die Verschuldung des Staates vergrößert. Die wachsende Ungleichheit der Einkommen führt entweder zu nicht nachhaltigen Verschuldungspositionen im privaten Bereich oder aber zu einer strukturell zu niedrigen Nachfrage und damit zu einer zu schwachen Konjunktur. Im ersten Fall werden diese privaten Schulden – wie in der Finanzkrise geschehen – letztlich vom Staat garantiert und zum Teil sogar komplett übernommen. Im Falle einer schwachen Nachfragedynamik werden Forderungen nach immer neuen Konjunkturprogrammen und Steuersenkungen laut. Der Staat kann aber nur konjunkturelle Nachfrageschwächen ausgleichen. Versucht er es bei strukturellen Problemen, ist die logische Folge eine steigende Verschuldung und er macht sich damit selbst zum Sanierungsfall. Eine große Ungleichheit der Einkommensverteilung führt letztlich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu steigenden Schulden des Staates. Reagiert die Politik mit allgemeinen Kürzungen z.B. auch bei Sozialleistungen und Bildungsausgaben, droht sie die Verteilungskrise weiter zu verschärfen. Die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung ist deshalb nicht nur ein soziales, sondern auch ein ökonomisches Problem.

…und ein ökologisches Problem

Die Finanz- und Wirtschaftskrise und die Armuts- und Verteilungskrise haben aber auch ökologisch verheerende Auswirkungen. Sie verschärfen und verstärken sich gegenseitig mit der Klima- und Biodiversitätskrise. Reichtum fördert einen verschwenderischen Luxuskonsum, der einen ebenfalls nicht nachhaltigen Statuskonsum der Mittelschichten nach sich zieht, um gesellschaftlichen Erfolg zu symbolisieren. Vermehrte lange Flugreisen, große, schnelle Autos und exotische Lebensmittel zu jeder Jahreszeit sind nur einige Beispiele für ein unökologisches Konsummuster der Eliten, das im Inland wie global in aufstrebenden Schwellenländern zu kopieren versucht wird. Armut auf der anderen Seite führt dazu, dass Menschen sich die wichtigsten privaten Investitionen beispielsweise in eine höhere Energieeffizienz schlicht nicht leisten können. Deswegen brauchen wir aus ökonomischen, sozialen und ökologischen Gründen eine neue Debatte über eine gerechte Umverteilung von Einkommen und Vermögen und einen Abbau der Ungleichgewichte.

Verschuldungskrise auch Demokratiekrise

Ohne eine gerechte Sanierung der Einnahmestruktur wird die Verschuldungskrise nicht zu lösen sein. Dabei muss es darum gehen, die Lasten gerecht zu verteilen. Die Wohlhabenden müssen einen sehr großen Teil der konsolidierungsbedingten Lasten übernehmen. Dabei darf man aber auch nicht den Illusionen der Linkspartei auf den Leim gehen – die Haushaltskonsolidierung wird nicht allein auf Kosten einiger Superreicher funktionieren. Daher werden alle Menschen Beiträge nach ihrer Leistungsfähigkeit erbringen müssen – die Normalbevölkerung einen entsprechend geringeren Teil als die Vermögenden.

Gerechtes Sparen, wo Ausgaben überflüssig, ineffizient oder unsozial sind, ist dringend nötig, wird aber alleine auch nicht reichen. Ohne eine grundlegende Sanierung und Strukturreformen werden mittelfristig keine sinnvollen Einsparungen in relevanter Höhe möglich sein. Eine Stärkung und der Ausbau des öffentlichen Sektors ist wichtig, aber Klüngel, Bürokratie und Verschwendung öffentlicher Gelder in den Verwaltungen diskreditieren einen handlungsfähigen Staat. Der Schutz von Partikularinteressen und Elitenprivilegien ist weder gerecht noch demokratisch, da gegen die Interessen der breiten Mehrheit der Bevölkerung verstoßen wird. Die Praxis, dass einzelne Gruppen bevorzugt werden, Steuern nicht ordentlich eingezogen werden, die UN-Konvention gegen Korruption nicht ratifiziert ist und öffentliche Gelder verschwendet werden, führt zu einer Krise der Demokratie. Auch die immer weiter abnehmende Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit von Kommunen mit Nothaushalten, die immer unter Genehmigungsvorbehalt stehen, gefährdet die Demokratie. Wenn es keine Wahl mehr gibt, darf man sich nicht wundern, wenn die BürgerInnen auch nicht an der Wahl teilnehmen. Diesem doppelten Angriff auf die Demokratie müssen wir uns entgegenstellen. Einerseits durch transparentere Organisationen, eine konsequente Korruptionsprävention, beispielsweise durch Ombudsleute in Ministerien oder durch ein verpflichtendes umfassendes Lobbyistenregister, andererseits dadurch, dass wir die Handlungsfähigkeit der Kommunen wieder herstellen.

Generationengerecht in die Zukunft investieren

Eine sinnvolle und solidarische Haushaltssanierung muss jetzt angegangen werden. Die Schuldenbremse verpflichtet die Politik, das strukturelle Defizit zwischen Einnahmen und Ausgaben deutlich abzubauen. Auch wenn wir Grüne nicht grundsätzlich gegen eine Schuldenbegrenzung sind, ist diese strikte Schuldenbremse kontraproduktiv und steht einer grundlegenden gerechten Sanierung im Weg, da sie keinen erweiterten Investitionsbegriff enthält, der Ausgaben für Bildung oder Klimaschutz einschließt, und makroökonomisch zu restriktiv wirkt. Sie löst nicht das Altschuldenproblem in den zahlreichen überschuldeten Kommunen und Ländern und sie beseitigt auch nicht die strukturelle Unterfinanzierung von öffentlichen Aufgaben. Dies der Schuldenbremse vorzuwerfen, wäre genauso falsch, wie die Lösung dieser Probleme der Kraft des Faktischen zu überlassen und damit politischen Gestaltungswillen von vorneherein aufzugeben. Alle Gebietskörperschaften erwarten unter anderem aufgrund der demografischen Entwicklung und der hohen Pensionslasten große Mehrbelastungen in den nächsten Jahren. Die Zinslasten sind schon jetzt der zweitgrößte Etatposten im Bundeshaushalt und sie werden in Zukunft noch weiter steigen. Der Spielraum für die jetzige und für zukünftige Generationen wird dadurch stark eingeschränkt und die Schere zwischen Arm und Reich innerhalb der Generationen wird vergrößert. Da der Staat sich im Inland bei den vermögenden Bürgerinnen und Bürgern verschuldet, werden einige wenige Junge diese Forderungen und die laufenden Zinserträge erben, während der Großteil darunter leiden wird, dass der Staat dann nicht mehr über genügend Mittel für Bildung, öffentliche Infrastruktur, eine lebenswerte Umwelt und ein funktionierendes Sozialsystem übrig hat. Generationengerechte Politik muss deshalb die Verschuldung begrenzen, aber gerade nicht indem sie den Staat kaputt spart. Sonst heißt es am Ende: Operation gelungen, Patient tot. Für die derzeitige und kommende Generationen ist entscheidend, dass jetzt in die Zukunft investiert wird. Der Klimawandel wartet nicht bis wir die Haushalte saniert haben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Klimakrise und die Armut- und Verteilungskrise bedingen und verstärken sich gegenseitig und müssen deshalb auch gemeinsam beantwortet werden. Mit einem Green New Deal muss die Krise als Chance genutzt werden und in Richtung einer sozial-ökologische Transformation des Wirtschaftssystems umgesteuert werden. Der Investitionsbedarf dafür ist groß und deswegen brauchen wir verstärkte Investitionen in Bildung, Klimaschutz – auch in Entwicklungsländern – und in die öffentliche Infrastruktur als wichtigen Teil des grünen Sanierungsprogramms. Die Bewältigung der Krisen und Probleme unserer Zeit braucht handlungsfähige Staaten. Arme, überschuldete und am Tropf der Finanzmärkte hängende Staaten können wir uns nicht leisten. Dieser Aspekt muss auch innerhalb der Euro-Zone bei der Auferlegung von Konsolidierungsprogrammen berücksichtigt werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass ganz Europa in eine schwere Rezession abdriftet. Natürlich muss gespart und umstrukturiert werden, aber das Timing und die Abstimmung über eine gemeinsame europäische wirtschaftspolitische Strategie sind wichtig und sozial-ökologische Investitionen müssen im Rahmen eines europäischen Green New Deals vorangetrieben werden, um Europa krisenfest und zukunftssicher zu machen.

Ein harter Sparkurs, auch bei staatlichen Investitionen, bei Schulen und auf Kosten der sozial Schwachen, wird von der schwarz-gelben Koalition als alternativlos dargestellt. Er ist aber weder alternativlos noch die beste Lösung. Die Folgen wären das Ausbleiben der dringend nötigen Sanierung in Form von Zukunftsinvestitionen in Klimaschutz und Bildung sowie das Ausbremsen der Konjunkturbelebung aufgrund lahmender Nachfragedynamik. Sparen alle Länder in Europa gleichzeitig und stark, kann dies auch in eine Rezession mit stark ansteigender Arbeitslosigkeit münden. Bleiben die Klimaschutzinvestitionen jetzt aus, richten wir irreparable Schäden an. Alternativlos ist das für die Regierung nur, weil sie eine echte Beteiligung der Vermögenden über Steuererhöhungen aus ideologischen Gründen ausschließt.

Eine ökonomisch sinnvolle und solidarische Lösung sieht anders aus. Wir müssen gleichzeitig investieren, sparen, mehr einnehmen und umstrukturieren. Die Verschuldungskrise, die Verteilungskrise, die Klimakrise und die Krise der Demokratie müssen gemeinsam angegangen werden. Es ist daher jetzt die Zeit für einen Grünen Sanierungsplan.

Gerecht sparen statt kaputt kürzen

Bei einer Sanierung geht es darum, eine Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung der öffentlichen Hand zu vermeiden und die Leistungs- und Handlungsfähigkeit des Staates in vielen Bereichen wieder herzustellen und langfristig zu sichern. Wir als Grüne wollen die Gesellschaft verändern. Und sanieren heißt auch, dort wo es notwendig ist zu sparen! Die Rasenmähermethode, mit der sich die Mächtigen ihrer Verantwortung und des Gestaltungswillens verweigern, wird allerdings den Herausforderungen nicht gerecht. Es muss dort gespart werden, wo die Ausgaben nicht effizient, zielgenau und damit auch nicht gerecht sind. Wir dürfen uns aber auch nicht kaputt kürzen. „Sparen bis es quietscht“ ist gefährlich für die Konjunktur und führt zu einem Teufelskreis aus Kürzungsrunden und weiteren konjunkturell bedingten Steuereinbrüchen.

Gerechtes Sparen ist daher das Gebot der Stunde. Der Staat darf kein Verhalten mehr subventionieren, das ökologisch mindestens bedenklich ist und einseitig Besserverdienende bevorzugt. Das Geld muss dort eingesetzt werden, wo es zur gerechten Sanierung beiträgt, d.h. effizient Strukturen verbessert und der sozialen Spaltung der Gesellschaft entgegen wirkt. Deshalb müssen verschiedene Leistungen sofort auf den Prüfstand, auch wenn dies unter Umständen unpopulär ist. Die Kompetenzen vom Bundesrechnungshof müssen deshalb gestärkt und die Zusammenarbeit mit den Landesrechnungshöfen verbessert werden.

Wir leben in einer Zeit, in der alte Geschenke für bestimmte Lobbygruppen und Partikularinteressen, wie beispielsweise die Wohnungsbauprämie, nicht mehr zu rechtfertigen sind. Mit 500 bis 600 Mio. Euro jährlich werden einseitig die obere Mittelschicht und Besserverdienende bevorzugt und gleichzeitig ökologisch schädliche Anreize für die Zersiedelung der Landschaft und die Zerstörung der biologischen Vielfalt gesetzt. Und dies, obwohl aufgrund der demografischen Entwicklung klar ist, dass in Zukunft weniger Wohnraum benötigt wird und schon jetzt Wohnungen leer stehen.

Gleiches gilt für die Pendlerpauschale. Die derzeitige Regelung fördert weite Wege zur Arbeit, damit das Verkehrsaufkommen und die Zersiedelung der Landschaft und bevorzugt Berufstätige mit höherem Einkommen. Deshalb gehört sie sowohl aus ökologischen wie auch aus Gerechtigkeitsgründen zunächst abgesenkt und perspektivisch komplett abgeschafft. Dies würde Mehreinnahmen in Höhe von 4 Mrd. Euro bedeuten.

Im Grünen Sanierungsplan ist für Anreizstrukturen, die Besserverdienende und/oder ökologisch schädliches Verhalten begünstigen, kein Platz. Ein weiteres Beispiel hierfür bietet das Dienstwagenprivileg. Den größten steuerlichen Vorteil erhält man bei einem möglichst teuren und damit oft großen Auto mit hohem CO2-Ausstoß. Durch eine ökologisch orientierte Reform der Dienstwagenbesteuerung könnte der Staat 3,5 Milliarden Euro mehr pro Jahr einnehmen.

Bei jeder Subvention und bei jeder Investition, die heute getätigt wird, muss hinterfragt werden, ob sie langfristig sinnvoll und nachhaltig ist und der Sanierung nützt, also den Staat handlungsfähiger macht. Ökonomisch und ökologisch ist es sinnlos, weitere Regionalflughäfen zu gründen. Teure Verkehrsprestigeprojekte wie die Y-Trasse oder Stuttgart 21 sind überflüssig und den Neubau von Autobahnen muss man sich sowohl aus Klimaschutzgründen als auch angesichts des demografischen Wandels sparen. Auch das Berliner Schloss für 500 Millionen kann man sich schenken und die 250 Millionen Euro für das Nationale Weltraumprogramm sollten ebenfalls nicht einfach auf den Mond geschossen werden.

Die Förderung der privaten Altersvorsorge gehört ebenfalls dringend auf den Prüfstand. Wir Grünen dürfen uns nicht davor drücken auch Leistungen, die wir selbst eingeführt haben, einer kritischen Neubewertung zu unterziehen. Neuere Forschungsergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen (DIW Wochenbericht Nr. 8/2010), dass die Förderung vor allem von BezieherInnen hoher Einkommen ausgiebig genutzt wird, aber kaum mehr als früher gespart wird, es also zu hohen Mitnahmeeffekten kommt. Es wurde außerdem versäumt, die Milliardenerträge von öffentlich geförderten Sparanlagen vor allem in sozial und ökologisch sinnvolle Investitionsprojekte zum Beispiel der öffentlichen Hand oder des Mittelstands zu lenken. Stattdessen fließen Riester- und Rürupgelder über die globalen Finanzmärkte und blähen die Spekulationsblasen mit auf. Von der Förderung profitiert demnach vor allem die Branche der Banken und Versicherungen, die mit dem Vertrieb der entsprechenden Produkte hohe Profite erzielen.

Das Grüne Steuersystem: Einfach, höher, gerecht

Das deutsche Steuersystem ist kompliziert, führt zu niedrigen Einnahmen und ist ungerecht. Es gibt zu viele Ausnahmen, von denen vor allem hohen Einkommen profitieren, so dass die durchschnittlichen Steuersätze wesentlich niedriger sind als die nominellen. Öffentliche Aufgaben finanzieren sich vor allem über Einnahmen aus den Sozialversicherungsbeiträgen und der Mehrwertsteuer, die vor allem kleinere und mittlere Einkommen überdurchschnittlich stark belastet. Vermögen und Umweltverbrauch sind im internationalen Vergleich in Deutschland nur niedrig besteuert, die deutsche Einkommensteuer außerordentlich ertragsschwach. Aus sozialen, ökonomischen und ökologischen Gründen ist es dringend notwendig, deutlich stärker und gerechter Vermögen zur Sanierung des Staates hinzuzuziehen. Allein das Anheben der Vermögensbesteuerung auf den OECD-Durchschnitt würde 25 Mrd. Euro an Mehreinnahmen bringen. Mit einer Vermögensabgabe, die über mehrere Jahre verteilt Einnahmen von insgesamt mindestens 100 – 150 Milliarden Euro generieren könnte, wäre es möglich, die krisenbedingten Schulden im Bund zu begleichen. Auch die überschuldeten Kommunen müssen saniert werden und brauchen eine Perspektive, wie sie selbst wieder Politik gestalten und nicht nur hilflos den Mangel verwalten können. Deshalb muss geprüft werden, ob darüber hinaus aus zusätzlichen Einnahmen der Vermögensabgabe auch ein kommunaler Altschuldenfonds finanziert werden kann.

Eine Gesellschaft, in der sich Ungleichheit vererbt und damit die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, ist weder sozial gerecht noch ökonomisch wünschenswert, da sie die Blasenbildung an Finanzmärkten beschleunigt. Deshalb müssen hohe Erbschaften stärker besteuert werden. Obwohl jährlich mindestens 60 bis 80 Mrd. Euro in Deutschland vererbt werden, nimmt der Staat nur 4 Mrd. Euro ein. Dies entspricht einem Durchschnittssteuersatz von circa 5 – 7 Prozent und ist viel zu wenig. Durch eine Integration der Erbschaftsteuer in die Einkommensteuer, also der Behandlung von Erbschaften als leistungsloses Einkommen der EmpfängerInnen, ließe sich das Aufkommen mittelfristig mehr als verdoppeln.

Ein anderes Beispiel sind die ökologisch schädlichen Anreize wie beispielsweise die Ungleichbehandlung von Sprit, Strom für die Bahn und Kerosin. Die ökologisch schädlichste Art sich fortzubewegen, ist zu fliegen. Trotzdem ist ausgerechnet das Kerosin von Steuern ausgenommen. Die Ökosteuern, die heute schon in Kraft sind, verlieren über die Zeit ihre Wirkung, wenn sie nicht regelmäßig an die Inflation angepasst werden. Heute sind wir beim Gesamtaufkommen daher fast wieder auf dem Stand von 1998 angekommen. Um dem entgegen zu wirken, muss eine Steuerindexierung in Höhe der Inflation geprüft werden. Bei der Mineralölsteuer muss der Steuersatz deswegen um 7,3 Cent pro Liter angehoben werden, allein um wieder die gleiche Steuerbelastung wie zum Ende der ökologischen Steuerreform herzustellen. Wer über kalte Progression spricht, darf zu diesem inflationsbedingten Verlust an Steuereinnahmen nicht schweigen.

Die Flattax für Kapitaleinkünfte, auch bekannt als Abgeltungssteuer, war eine falsche Maßnahme, die sich auf die vage Hoffnung von weniger Steuerhinterziehung im Ausland stützte. Nun haben wir ein bürokratisches Monstrum, welches keines seiner Ziele erreicht hat und Geringverdienende mit kleinen Zinsen strukturell gegenüber Spitzenverdienenden benachteiligt. Es ist höchste Zeit, dies wieder rückgängig zu machen. Kapitaleinkünfte müssen wieder wie Arbeitseinkommen besteuert werden. Auch Veräußerungs- und Spekulationsgewinne müssen progressiv und ohne Spekulationsfristen versteuert werden. Es sind nicht zuletzt auch diese steuerlichen Fehlanreize, die die Spekulation auf den Weltfinanzmärkten zusätzlich angeheizt haben.

Nötig ist eine Anhebung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer. Dies führt allerdings nur in kleinen Teilen zu mehr Steuergerechtigkeit, da es nur Menschen mit einem Jahreseinkommen von mehr als etwa 52.000 Euro betrifft und bei diesen auch nur den Teil des Einkommens, der höher als 52.000 Euro ist. Seit 20 Jahren sind regelmäßige Tarifsenkungen der Einkommensteuer der Normalzustand geworden. In Wahrheit haben diese die kalte Progression stark überkompensiert. Wir zahlen heute alle weniger Einkommensteuer als noch vor zehn oder 20 Jahren. Ein Prozentpunkt Erhöhung des gesamten Tarifs der Einkommensteuer bringt fast so hohe Einnahmen für die grüne Sanierung wie ein Mehrwertsteuerprozentpunkt. Vor die Alternative gestellt, verteilt die Einkommensteuer die Lasten deutlich gerechter als die Mehrwertsteuer. Deswegen darf eine Einkommensteuererhöhung nicht länger zu einem Tabu erklärt werden.

Die Gewerbesteuer darf nicht wie von der FDP gefordert abgeschafft werden, sondern muss zu einer kommunalen Wirtschaftssteuer unter Einbeziehung von FreiberuflerInnen und einer Verbreiterung der Bemessungsgrundlage weiterentwickelt werden.

Ein Steuersystem, das systematisch und kohärent steuert, und zwar von oben nach unten und weg von klimaschädlichem Verhalten, ist daher dringend geboten. Es geht aber nicht nur darum, mehr Einnahmen zu generieren. Das Steuersystem muss auch einfacher werden.

Das Mehrwertsteuer-Chaos zeigt heute, welche Partikularinteressen sich irgendwann einmal durchsetzen konnten. Warum auf Schnittblumen der Steuersatz von sieben Prozent gilt, für Trockenblumen dagegen 19 Prozent fällig werden, ist nicht zu verstehen. Auch Skilifte, Hotelübernachtungen, usw. verdienen keine Sonderbehandlung.

Am ungerechtesten im deutschen Steuersystem ist der ungleichmäßige und schlechte Vollzug des Steuerrechts. So können Menschen Steuern hinterziehen ohne die Entdeckung fürchten zu müssen. Deutsche Finanzämter bekommen z.B. Zinserträge von Banken nicht automatisch gemeldet, wie in fast allen anderen großen OECD-Ländern üblich. Aufgrund einer Unterausstattung der Finanzverwaltung brauchen viele auch die Steuerprüfung nicht zu fürchten, denn diese findet wegen Personalmangel häufig gar nicht statt. Die Kleinstaaterei von 16 Landessteuerverwaltungen führt zu Reibungsverlusten und dazu, dass eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Für Steuerhinterziehung genügen so oft schon Aktivitäten in verschiedenen Bundesländern. Es muss nicht immer gleich die Schweiz sein. Wegen Fehlanreizen im Länderfinanzausgleich und zu Zwecken der lokalen Wirtschaftsförderung schwächen Länder ihre Steuerverwaltung ganz bewusst. Wohlgemerkt: Die Rede ist von Deutschland, nicht von Griechenland. Alleine die Einführung einer Bundessteuerverwaltung würde nach Schätzungen der Unternehmensberatung Kienbaum bis zu 11 Mrd. Euro mehr in die öffentlichen Kassen spülen, und das ganz ohne Steuererhöhung für diejenigen, die heute ihre Steuern schon ordentlich zahlen.

Das Steuerrecht muss aber auch europafest und insgesamt europäischer werden. So könnte eine europäische Finanztransaktionssteuer endlich einen gerechten Finanzierungsbeitrag des Finanzsektors sicherstellen. Der deutsche Anteil würde bei mindestens 12 Mrd. Euro liegen, also beim Zehnfachen der von der Regierung geplanten Bankenabgabe. Eine Besteuerung des Flugverkehrs ist am besten europäisch möglich. Der „race-to-the-bottom“ im Steuerwettbewerb bei den Unternehmenssteuern muss endlich mit einer gemeinsamen europäischen Bemessungsgrundlage, Mindeststeuersätzen und dem Übergang zur Anrechnungsmethode in den Doppelbesteuerungsabkommen gestoppt werden.

Alte Strukturen aufbrechen

Strukturen sind – einmal geschaffen und etabliert – nur noch schwer zu verändern. Überall gibt es Menschen und Gruppen, die von der aktuellen Situation profitieren und sich deshalb Veränderungen und Reformen entgegen stellen. Trotzdem oder gerade deshalb müssen Strukturen im Rahmen eines Grünen Sanierungsplans aufgebrochen werden. Wir brauchen ein aktives Controlling des Staates mit einer effizienten Planung, Lenkung, Steuerung und Kontrolle der öffentlichen Aufgaben und Prozesse.

Verfestigte und ineffiziente Strukturen, die Partikularinteressen geschuldet sind, gibt es in vielen Bereichen. Hierzu gehören die familienbezogenen Leistungen, Bürokratie und mangelndes Controlling bei den Sozialversicherungen oder die Regelungen für Beamtenpensionen. Aber auch die Frage, an welcher Stelle der Föderalismus nur parallele Verwaltungsstrukturen mit sich bringt, muss diskutiert werden.

Jedes Jahr werden gut 180 Milliarden Euro für familienbezogene Leistungen wie das Kindergeld, das Ehegattensplitting, Kinderkomponenten bei Eigenheimförderung, usw. ausgegeben. Es gibt insgesamt 150 verschiedene Maßnahmen. Mindestens 6 Mrd. Euro könnte der Staat bei einer weitestgehenden Abschaffung des Ehegattensplittings sparen, womit sowieso nur ein überkommenes Familienmodell und auch kinderlose Ehepaare gefördert werden. Der internationale Vergleich zeigt, dass von dem Geld, das die Bundesrepublik für familienbezogene Leistungen ausgibt, Besserverdienende überproportional profitieren, die Wirkung in die Breite dagegen immer noch nur mäßig ist und Kinderarmut nicht effektiv bekämpft wird. Um es klar zu sagen: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Ausgaben für Kinder. Aber diese Mittel müssen zielgerichtet und effizient ausgegeben werden. Deshalb ist ein Strukturwandel zu einer Förderung, die Kinder in den Mittelpunkt stellt, dringend geboten. Gestärkt werden müssen vor allem die Investitionen in öffentliche Infrastruktur, wie Kinderbetreuung, Ganztags- und Gemeinschaftsschulen, Kinder- und Jugendhilfe oder Freizeitangebote für Kinder.

Auch bei den Sozialversicherungen ist viel Potential für strukturelle Vereinfachungen. Beispielsweise in der Gesundheitspolitik, wo die Krankenversicherungen heute nur noch durch enorme Steuerzuschüsse funktionsfähig gehalten werden, wo Medikamentenpreise unverständlich hoch sind und wo die Struktur durch das teure und unsoziale Nebeneinander von Privaten und Gesetzlichen Krankenkassen, der Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Apothekenprivileg geprägt ist. Der Gesundheitsfonds ist ein Bürokratiemonster. Eine einfachere und gerechtere Lösung wäre die Bürgerversicherung, in die alle nach ihrer Leistungsfähigkeit einzahlen, BeamtInnen, PolitikerInnen und Selbstständige genauso wie ArbeitnehmerInnen und Angestellte. Die Bevorzugung bestimmter privilegierter Gruppen hätte damit ein Ende.

Die Rentenversicherung ist ein weiteres Beispiel. Auch hier werden aufgrund veralteter Strukturen und mangelhafter oder nicht vorhandener Planungen die Gelder der BeitragszahlerInnen und SteuerzahlerInnen verschwendet. Der mit Abstand größte Ausgabeposten im Bundeshaushalt ist der Zuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung. 80 Milliarden Euro, ein Viertel des Haushaltes, erhält die Rentenversicherung 2010 aus Steuergeldern. Es ist deshalb untragbar, dass eine so wichtige Institution wie die Rentenversicherung ohne konkrete Personalbedarfsplanung, ohne Raumplanung, ohne Beratungskonzept und ohne IT-Strategie arbeitet.

Auch die Struktur der Bundeswehr ist überkommen. Fast kein anderes europäisches Land leistet sich noch eine Wehrpflichtigenarmee. Wir brauchen eine kleinere Bundeswehr, die den heutigen Anforderungen gewachsen ist, keine Zwangsdienste und teure Prestige-Rüstungsprojekte, wie das Raketenabwehrsystem MEADs, die Schützenpanzer PUMA, das Waffensystem Eurofighter oder die NATO-Hubschrauber 90.

Dringender struktureller Änderungsbedarf besteht bei den Beamtenpensionen. Die in den nächsten Jahren stark ansteigenden Pensionslasten sind, wenn sich nichts ändert, eine tickende Zeitbombe für die öffentlichen Kassen. Die Bundesländer sind dabei besonders stark betroffen. Heute richten sich die Pensionszahlungen allein nach dem letzten Einkommen, nicht, wie bei Angestellten und ArbeiterInnen nach dem durchschnittlichen Lebenseinkommen. Es ist nicht sachlich zu begründen, dass BeamtInnen bei der Altersvorsorge übermäßig privilegiert werden und der Staat noch Jahrzehnte später hohe Pensionszahlungen übernehmen muss. Derzeit liegt der durchschnittliche Wert der zu erwartenden Pensionen der Beamten zum Teil um bis zu dem Doppelten über den vergleichbaren Ansprüchen von ArbeiterInnen und Angestellten (DIW Wochenbericht 3/2010). Als erster Schritt ist hier sofort für die zukünftigen BeamtInnen die Angleichung an die Regelungen anzugehen, die für Angestellte des Bundes gelten. Inwieweit auch bei heute aktiven BeamtInnen für die Höhe der Pensionsansprüche nicht ihr letztes Gehalt sondern das Lebensdurchschnittseinkommen zugrunde gelegt werden kann, muss geprüft werden. Perspektivisch sollten alle, ArbeitnehmerInnen, Selbstständige, PolitikerInnen und auch Beamte, in eine Bürgerversicherung einzahlen und nach den gleichen Kriterien ihre Rente beziehen. Auch die hohen Pensionsansprüche von Bundestagsabgeordneten und MinisterInnen sind nicht zu rechtfertigen. Sie sollten sich stattdessen an einer solidarischen Finanzierung des staatlichen Rentensystems beteiligen.

Und trotz inzwischen zwei Föderalismuskommissionen hat sich zu wenig im Bund-Länder-Verhältnis bewegt. Die organisierte „Nicht-Verantwortung“ aufgrund der Verflechtung der Aufgaben und Finanzierungszuständigkeiten wurde nicht beendet. Noch immer wird das Konnexitätsprinzip (wer bestellt, zahlt) nicht konsequent umgesetzt. Veraltete Strukturen hemmen die effiziente Aufgabenerfüllung.

Diese Strukturreformen können nicht länger warten, sondern müssen dringend angegangen werden. Damit aber überhaupt objektiv über finanzrelevante Themen debattiert werden kann, bedarf es eines parlamentarischen „Budget Office“, das von der Regierung unabhängige Informationen über Haushalt und Steuern liefert. Nur so kann die Interpretationshoheit des Finanzministeriums über die Finanz- und Haushaltspolitik gebrochen und für mehr Transparenz und parlamentarische Kontrolle gesorgt werden.

Zeit für eine öffentliche Debatte!

Die Verhandlungen über die Ausrichtungen der kommenden Haushalts- und Finanzpolitik und damit die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, stehen jetzt an. Die Probleme sind klar, Verschuldungskrise, Klimakrise, Armuts- und Verteilungskrise und auch die Krise der Demokratie müssen jetzt angegangen werden. Für die Lösung der Probleme gibt es verschiedene Alternativen. Sach- und übertriebene Sparzwänge sind vorgeschoben. Es gibt Gestaltungsspielräume hin zu einer solidarischen, ökologischen und generationengerechten Gesellschaft. Mit den kommenden Haushaltsverhandlungen werden Weichen gestellt. Der Haushalt ist „in Zahlen gegossene Politik“ und daher viel zu wichtig, um ihn alleine den HaushaltspolitikerInnen zu überlassen! BürgerInnen und die Zivilgesellschaft sind jetzt aufgefordert, selbst mit zu diskutieren und Vorschläge und Initiativen dazu einzubringen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln soll!

Diese Debatte ist wichtig für uns alle – nicht nur für die Politik in Berlin, sondern auch für die Menschen vor Ort in den Städten und Gemeinden. Beteiligen Sie sich an dieser Debatte unter: www.sven-kindler.de Bringen Sie sich ein und gestalten Sie mit!

Grüner Sanierungsplan als PDF runterladen und lesen.

Artikel in der HAZ über den Grünen Sanierungsplan.

Persönliche Erklärung von Sven-Christian Kindler zur Entscheidung über das Griechenland-Hilfspaket

Freitag, Mai 7th, 2010

gemäß § 31 GO-BT zur Abstimmung am 7. Mai 2010 im Deutschen Bundestag über das Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen zum Erhalt der für die Finanzstabilität in der Währungsunion erforderlichen Zahlungsfähigkeit der Hellenischen Republik (Währungsunion-Finanzstabilitätsgesetz, WFStG)

Bei der Entscheidung über das Griechenland-Hilfspaket geht es um die Zukunft Europas und um die Solidarität in Europa. Als Europäerinnen und Europäer leitet uns heute die Sorge um die Zukunft Europas in unserer Entscheidung. Die Solidarität zwischen den Menschen in Europa ist uns wichtig, gerade in schwierigen Zeiten. Die gewalttätigen Konflikte in Griechenland haben deutlich gemacht, welche Bedeutung das Hilfspaket und die Krise für die Menschen in Griechenland haben. Fassungslos erleben wir eine national-populistische Kampagne gegen Griechenland, befeuert nicht nur von manchen Medien, sondern von Politikerinnen und Politikern aus CDU, CSU und FDP. Wir distanzieren uns ausdrücklich davon und erinnern daran, dass gerade Deutschland dem europäischen Einigungsprozess sehr viel verdankt. Das sollte niemand in Deutschland leichtfertig aufs Spiel setzen.

Zu hinterfragen ist allerdings, ob das Hilfspaket und das damit verbundene Konsolidierungsprogramm in Griechenland seine beiden Ziele zu erfüllen vermag: die Lösung des griechischen Schuldenproblems und die Stabilisierung des europäischen Finanzmarkts.

Das Hilfspaket kommt viel zu spät und erreicht das erste Ziel – die Überwindung des griechischen Schuldenproblems – nicht. Eine Umschuldung, die dringend nötig ist, damit Griechenland seine Schulden tragen kann, ist nicht vorgesehen. Sie könnte aber eher früher als später drohen. Wenn die Kredite über die KfW ohne Vorrang gegenüber den bisherigen privaten Gläubigern vergeben werden, ist klar, dass eine künftige Umschuldung Milliardenverluste für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler verursachen würde. Wie schon bei der Bankenrettung werden, während die Staaten voll ins Risiko gehen, damit vor allem die privaten Gläubiger, also insbesondere Banken, Fonds und Versicherungen geschützt, ohne dass sie ihren Teil zur Lösung der Krise beitragen würden. Die von Finanzminister Schäuble und Deutsche Bank-Chef Ackermann inszenierte Beteiligung der privaten Wirtschaft leistet das eindeutig nicht.

Das mit dem IWF vereinbarte Konsolidierungsprogramm für Griechenland ist in seiner Größenordnung von 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2012, 6,5 Prozent davon im ersten Jahr, einzigartig. Klar ist: Griechenland hat schlecht gewirtschaftet. Die Steuereinnahmen und die Staatsausgaben stehen in Griechenland in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander, und das schon seit Jahren. Ein Konsolidierungskurs ist notwendig. So richtig vor diesem Hintergrund viele einzelne Maßnahmen sind, steht jedoch zu befürchten, dass der griechische Schuldenberg dadurch nicht kleiner, sondern größer werden wird. Denn ein Konsolidierungsprogramm in dieser Größenordnung droht über viele Jahre Griechenland in eine tiefe Rezession zu stürzen. Thomas Meyer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, etwa schätzt, dass der Schuldenstand bis 2014 auf 150 Prozent des BIP anwachsen würde. Seinen jährlichen Kreditbedarf würde das Land zu 75 Prozent von ausländischen Kapitalgebern decken lassen müssen. Es sei davon auszugehen, dass ein Leistungsbilanzüberschuss von mindestens 5 Prozent allein zur Zinszahlung erwirtschaftet werden müsse. Ob mit einem solchen Programm Griechenland wirklich geholfen ist, bezweifeln wir. Zu sehr hat sich die Bundesregierung von einer Bestrafungslogik leiten lassen, als dass das von ihr mit verantwortete Programm einen wirklichen Weg aus der Schuldenkrise weisen würde. Hinzu kommt eine soziale Schieflage, die vor allem die ärmeren Menschen treffen wird und zudem die Chancen der politischen Durchsetzung mindert. Die Mehrwertsteuererhöhung trifft alle Griechinnen und Griechen. Eine notwendige Beteiligung der großen Vermögen durch einen sozial gerechten Lastenausgleich bei der Konsolidierung ist nicht vorgesehen. Profitiert von Miss- und Günstlingswirtschaft und Spekulationen haben dagegen nur wenige. Weniger Investitionen, weniger Nachfrage, geschweige denn ein ökologischer Umbau von Wirtschaft und Tourismus: Griechenland steht vor einer jahrelangen Rezession, die sich natürlich auch auf den Arbeitsmarkt niederschlagen wird. Auch hier werden die Verlierer bestimmt nicht jene sein, die die Misere mit zu verantworten haben.

Auch das zweite Ziel, die Stabilisierung der Finanzmärkte, erreicht das Programm offenkundig nicht. Das lange Zögern der Bundesregierung hat Spekulanten Tür und Tor geöffnet und die Probleme
verschärft. Die Verwerfungen an den Märkten und die Spekulation gehen auch nach Verkündigung des Programms und der Zustimmung durch die Regierungen ungemindert weiter. Die Ansteckungsgefahr ist nicht gebannt. Nur eine durchgreifende Reform der Finanzmärkte, wie sie die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen nicht erst seit Ausbruch dieser Finanzkrise fordert, wird hier Abhilfe schaffen. Doch fast drei Jahre nach Ausbruch der Krise fehlen noch immer die Regeln, die die Finanzmärkte bändigen würden. Die Bundesregierung blockiert immer noch die Entwicklung einer Europäischen Wirtschaftsregierung, eine Ergänzung des Stabilitäts- und Wachstumspakts um das Ziel außenwirtschaftlicher Gleichgewichte steht ebenfalls aus. Wenn aber die strukturellen Probleme der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Währungsunion, die mitverantwortlich für die griechische Krise sind, nicht behoben werden, kann sich Stabilität in der Eurozone nicht einstellen.

Trotzdem stimmen wir zu. Denn wir stehen vor der Alternative, entweder den Gewährleistungen zuzustimmen, obwohl sie Teil eines Programms sind, das seine Ziele zu verfehlen droht und für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zusätzliche Risiken bedeutet, oder aber mit der Ablehnung dieses Gesetzes ohne Zweifel eine weitere Verschärfung der Lage zu riskieren. Denn Griechenland braucht schnelle Hilfe, unsere Solidarität. Europa und der Euro brauchen unsere Entschlossenheit – und die Gefahr ist einfach zu groß, dass der Schaden, den eine Ablehnung des Hilfspakets verursachen würde, in Griechenland wie in Europa und damit letztlich auch in Deutschland, noch zunehmen würde. Das können wir, aus europäischer Solidarität wie aus wirtschaftlicher Vernunft nicht verantworten.

Der Zeitgewinn, den diese Hilfen von IWF und Euro-Zone bringen, muss von der Bundesregierung nun dringend genutzt werden, umfassender und ohne Blick auf kurzfristige parteipolitische Taktik, die Finanzmärkte zu bändigen und Antworten auf die Schuldenkrise zu finden.

Peinliche Posse beim Klimaschutz – Schwarz-Gelb beerdigt das Marktanreizprogramm

Mittwoch, Mai 5th, 2010

Anlässlich der Sitzung des Haushaltsausschusses erklärt Sven-Christian Kindler, Berichterstatter für den Haushalt des Umweltministeriums:

Schwarz-Gelb wrackt nun endgültig den Klimaschutz ab. Die Beratung und Abstimmung über unseren Antrag zur Aufhebung der Sperre beim Marktanreizprogramm (MAP) wurde von der Koalition verhindert. Der von uns angeforderte Bericht des Umweltministers zur aktuellen Situation bei der Förderung von Solarkollektoren, Biomasseheizungen und Wärmepumpen wurde von der Koalition mit Geschäftsordnungstricks von der Tagesordnung gekippt. Röttgen wurde durch die Koalitionsfraktionen der Mund verboten und er musste hilflos zusehen wie das Förderprogramm beerdigt wurde.

Argumente spielen keine Rolle mehr. Es ist ein rein ideologisches Vorgehen. Für diese peinliche Posse gibt es inhaltlich keine Begründung. Das Marktanreizprogramm fördert Klimaschutz und private Investitionen, stärkt handwerkliche Betriebe und sichert Arbeitsplätze. Durch jeden Förder-Euro werden rund sieben Euro private Investitionen ausgelöst. Allein durch die zusätzlich erwarteten Mehreinnahmen fließt deutlich mehr Geld in die Staatskasse zurück, als ursprünglich vom Staat gefördert wurde.

Wir werden weiter für Klimaschutz kämpfen und deshalb in der kommenden Haushaltsausschusssitzung erneut die Aufhebung der Sperre beantragen.

Förderung von Öko-Heizungen: “Ebbe in der Kasse”

Dienstag, Mai 4th, 2010
von Michael Bauchmüller, am 4. Mai 2010 in der Süddeutschen Zeitung (SZ)

Der Bund kappt die Mittel für Öko-Heizungen: Solaranlagen oder Wärmepumpen werden nicht mehr gefördert – weil der Topf leer ist.

Der Bund stellt die Förderung klimafreundlicher Heizungen mit sofortiger Wirkung ein. Aufgrund einer Haushaltssperre seien alle Mittel für dieses Jahr bereits aufgebraucht, teilte das Bundesumweltministerium am Montag mit. Neue Anträge von Bauherren und Hausbesitzern zur Förderung von Solarkollektoren, Wärmepumpen oder Biomasseheizungen würden nicht mehr entgegengenommen.

Auch Anträge aus dem Vorjahr nicht mehr bewilligt

Noch härter trifft es klimafreundliche Kleinkraftwerke. Hier könnten auch bereits vorliegende Anträge aus dem vorigen Jahr nicht mehr bewilligt werden, hieß es. Frühestens 2011 werde es wieder Fördermittel aus der “nationalen Klimaschutzinitiative” geben. Auch kommunale Klimaprojekte waren aus dem Topf gefördert worden.

Grund für die Einstellung ist eine Haushaltssperre über 115 Millionen Euro. Zwar hatte sich das Umweltministerium für eine Aufhebung der Sperre eingesetzt und einen entsprechenden Antrag für die Sitzung des Haushaltsausschusses am Mittwoch gestellt. Doch das Bundesfinanzministerium leitete den Antrag nicht an den Ausschuss weiter – ergo kann dieser nicht darüber befinden.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), der just in diesen Tagen auf dem Petersberg bei Bonn mit Ministern aus aller Welt über konkrete Maßnahmen für den klimaschutz diskutiert, nahm die Entscheidung mit Bedauern auf. Das Programm sei nicht nur sinnvoll, sondern aufgrund seiner Hebelwirkung auch eines der besten Konjunkturprogramme, hieß es aus dem Ministerium. Die Mittel wurden vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) stets als Zuschuss zu geplanten Projekten vergeben; allein die gesperrten 115 Millionen Euro hätten nach Zahlen des Bundesumweltministeriums Investitionen von rund 900 Millionen Euro ausgelöst – häufig für das Handwerk in der jeweiligen Region.

Die Branche reagierte konsterniert auf die Entscheidung. Die Koalition mache sich daran, “die regenerative Heizungsindustrie abzuwürgen”, sagte Dietmar Schütz, Präsident des Ökoenergie-Verbands BEE. Auch von SPD und Grünen kam Kritik. “Die Bundesregierung hat weder ökologische noch ökonomische Kompetenz”, sagte Grünen-Haushaltspolitiker Sven Kindler. “Sie gefährdet Tausende Arbeitsplätze.” Abstimmen soll der Haushaltsausschuss aber nun trotzdem – auf Antrag der Grünen.

Am 1. Mai auf die Straße – für Umwelt, Arbeit und Gerechtigkeit

Donnerstag, April 29th, 2010

Sven-Christian Kindler, grüner Bundestagsabgeordneter aus Hannover, ruft zur Teilnahme an den traditionellen Sternmärschen der Gewerkschaften und der Kundgebung auf dem Klagesmarkt auf: “Gerade in der Krise brauchen wir starke Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es ist jetzt wichtig auf der Straße Druck zu machen für einen sozial-ökologischen Umbau.”

Kindler ist seit der Wahl 2009 Mitglied des Bundestages und macht sich dort im Haushaltsausschuss für Zukunftsinvestitionen in Umwelt, Bildung und soziale Gerechtigkeit stark. Der Grüne Bundestagsabgeordnete ist seit vielen Jahren Mitglied der IG Metall und wird sich am 1. Mai gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Aktiven der Grünen Partei und Grünen Jugend in den Sternmarsch vom Freizeitheim Linden zum hannoverschen Klagesmarkt einreihen.

Sven-Christian Kindler mit IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine

“WIR GEHEN VORAN! Gute Arbeit – Gerechte Löhne – Starker Sozialstaat”: Programm des DGB zum 1. Mai in Hannover

Sven-Christian Kindler, grüner Bundestagsabgeordneter aus Hannover, ruft zur Teilnahme an den traditionellen Sternmärschen der Gewerkschaften und der Kundgebung auf dem Klagesmarkt auf: "Gerade in der Krise brauchen wir starke Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es ist jetzt wichtig auf der Straße Druck zu machen für einen sozial-ökologischen Umbau." 
 
Kindler ist seit der Wahl 2009 Mitglied des Bundestages und macht sich dort im Haushaltsausschuss für Zukunftsinvestitionen in Umwelt, Bildung und soziale Gerechtigkeit stark. Der Grüne Bundestagsabgeordnete ist seit vielen Jahren Mitglied der IG Metall und wird sich am 1. Mai gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Aktiven der Grünen Partei und Grünen Jugend in den Sternmarsch vom Freizeitheim Linden zum hannoverschen Klagesmarkt einreihen.

Kindler: Am 1. Mai auf die Straße – für Umwelt, Arbeit und Gerechtigkeit

Freitag, März 19th, 2010

Sven-Christian Kindler mit IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine

Sven-Christian Kindler, grüner Bundestagsabgeordneter aus Hannover, ruft zur Teilnahme an den traditionellen Sternmärschen der Gewerkschaften und der Kundgebung auf dem Klagesmarkt auf: “Gerade in der Krise brauchen wir starke Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es ist jetzt wichtig auf der Straße Druck zu machen für einen sozial-ökologischen Umbau.”

Kindler ist seit der Wahl 2009 Mitglied des Bundestages und macht sich dort im Haushaltsausschuss für Zukunftsinvestitionen in Umwelt, Bildung und soziale Gerechtigkeit stark. Der Grüne Bundestagsabgeordnete ist seit vielen Jahren Mitglied der IG Metall und wird sich am 1. Mai gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Aktiven der Grünen Partei und Grünen Jugend in den Sternmarsch vom Freizeitheim Linden zum hannoverschen Klagesmarkt einreihen.

“WIR GEHEN VORAN! Gute Arbeit – Gerechte Löhne – Starker Sozialstaat”: Programm des DGB zum 1. Mai in Hannover

Sven Kindler aus dem Bundestag – Podcast Folge #4

Dienstag, März 9th, 2010

Konfliktlösung statt Konfliktreproduktion

Donnerstag, Februar 25th, 2010

Ein Debattenbeitrag zur Grünen Nahostkonferenz am 28. Februar 2010 in Berlin von Christoph Müller, Jan Philipp Albrecht und Sven-Christian Kindler.

Als junge Grüne verstehen wir uns als UnterstützerInnen sowohl des Staates Israels als auch des Rechts der palästinensischen Bevölkerung auf einen eige­nen palästinensischen Staat. Unsere Nahost-Politik steht im Zeichen unseres allgemeinen politischen Einsatzes für Menschenrechte und Selbstbestimmung sowie gegen Antisemitismus und Rassismus. Wir stehen nicht an der Seite ei­nes Volkes, einer Religion oder einer Konfliktpartei, sondern an der Seite all je­ner, die für diese Ziele gleichermaßen kämpfen. Dabei können und wollen wir unsere besondere Verantwortung und Motivation für eine Lösung dieses Konf­likts auf Grund der deutschen und europäischen Geschichte nicht leugnen. Für uns ist das Existenzrecht Israels nicht verhandelbar. Wir ergreifen nicht einsei­tig Partei, sondern arbeiten mit israelischen und palästinensischen Kräften und Organisationen zusammen, die sich für eine friedliche Lösung einsetzen. Es gibt nicht den Konflikt – es gibt viele Konflikte und viele unterschiedliche Pers­pektiven. Aus unserer Perspektive dürfen das Selbstbestimmungsrecht der Paläs­tinenserInnen und das Existenzrecht Israels nicht gegeneinander ausges­pielt werden. Beides kann nur zusammen verwirklicht werden. Der Weg dahin und die Probleme, die wir auf diesem Weg sehen, wollen wir auf den folgenden Seiten beschreiben. Hierbei kann es sich nicht um eine umfassende Analyse des Nahost-Konflikts in all seinen Facetten handeln. Wir wollen stattdessen die aus unserer Sicht zentralen Punkte beleuchten und vor allem Wege und Zeitfens­ter zur Lösung aufzeigen.

Antisemitismus in 3D

In der Nahost-Debatte müssen wir uns – besonders in Deutschland – klar ma­chen, dass in vielen Äußerungen zum israelisch-palästinensischen Konflikt ein bewusster oder unbewusster Antisemitismus gegenüber JüdInnen und dem Staat Israel mitschwingt. Kritik an der Politik Israels hat sich für uns am Maßs­tab des Antisemitismus in 3D zu messen: Danach ist Israelkritik, die mit einer Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung einhergeht, antisemi­tisch. Die Dämonisierung meint die Darstellung Israels als den Inbegriff des Bö­sen. Besonders absurd und abstoßend sind hier Vergleiche der Politik Israels mit dem deutschen Nationalsozialismus, also etwa zwischen der Israel Defense Forces (IDF) und der Wehrmacht sowie zwischen Gaza und Auschwitz. Doppel­standards bezieht sich darauf, wenn an Israel andere Maßstäbe angelegt wer­den, als bei der Kritik an anderen Staaten. Zum Beispiel, wenn es heißt: Gerade der Staat der Opfer der Shoa dürfe heute nicht selbst zur Waffe greifen und ein Militär unterhalten. Vor diesem Hintergrund der Gefahr eines israelbezogenen Antisemitismus muss Kritik an der israelischen Politik deutlich machen, dass das Existenzrecht Israels nicht zur Diskussion steht. Dies meinen wir mit Delegi­timierung. All jene, die Israel von der Landkarte streichen wollen, leug­nen damit die historische Bedeutung Israels angesichts der Jahrtausende an­dauernden Verfolgung von JüdInnen weltweit. Dort, wo antisemitische Stereo­type auf den israelischen Staat übertragen werden, wo etwa die alte Figur des jüdisch-kapitalistisch-imperialistischen Drahtziehers bedient wird, handelt es sich nicht um Kritik an der israelischen Politik, sondern um israelbezogenen Anti­semitismus.

Für uns ist klar, dass es keinen Widerspruch darin gibt, gegen Antisemitismus zu kämpfen und gleichzeitig die israelische Politik auf Grundlage der Menschen­rechte und des internationalen Rechts zu kritisieren. Für Grüne muss klar sein: So wie wir keine Delegitimierung Israels akzeptieren, akzeptieren wir auch keine Delegitimierung der Errungenschaften des internationalen Völker­rechts. In dieser Auseinandersetzung kommen wir aber zu dem Ergebnis, dass wir den vorhandenen israelbezogenen Antisemitismus auch bei der Findung eines richtigen Weges zur Konfliktlösung nicht ignorieren können. So sind Forde­rungen nach einem Boykott von Produkten aus jüdischen Siedlungsgebie­ten im Westjordanland nicht sinnvoll. Viel zu wenig verfolgt eine solche Maß­nahme einen effektiven Weg zum Ziel. Nicht zuletzt, weil nicht die jüdischen Sied­lerInnen, sondern die israelische Regierung der direkte Ansprechpartnerin internationaler Maßnahmen sein sollte. Und viel zu sehr schwingt bei einer sol­chen Maßnahme seitens der EuropäerInnen die Erinnerung an den Aufruf der Nationalsozialisten „Kauft nicht bei Juden“ mit. Die Frage einer verstärkten Durchsetzung europäischer Zollregelungen bezüglich der Produkte aus den be­setzten Gebieten gilt es noch genauer zu erörtern.

Eine Regelung in zwei Staaten

Wir glauben an die Möglichkeit eines israelisch-palästinensischen Friedens auf Basis der Koexistenz zweier gleichberechtigter Staaten mit jeweils gemisch­ten Bevölkerungsgruppen: Eines souveränen Staates Israel und eines souveränen Staates Palästina, entlang der so genannten Grünen Linie von 1967 unter Berücksichtigung eines Landaustausches von etwa drei bis sechs Prozent der Gesamtfläche. Zudem muss es einen Sonderstatus für die gemeinsame Haupt­stadt beider Staaten, Jerusalem, geben. Diese Stadt hat nicht nur für beide Konfliktparteien, sondern für die gesamte Bevölkerung in der Region und viele Menschen weltweit eine so starke Bedeutung, dass eine einseitige Kont­rolle durch einen Staat – jedenfalls in der derzeitigen Situation und auch mittelf­ristig – nicht ohne eine Gefahr für den Frieden denkbar ist. Uns erscheint daher am sinnvollsten, für die geeinte Stadt Jerusalem einen völkerrechtlichen Sonderstatus zu schaffen, bei dem die Bevölkerungsteile sowohl dem Recht ih­rer Staatsangehörigkeit als auch einem gemeinsamen Jerusalemer Rechtsraum zugehörig sind. Zudem muss zumindest die Altstadt komplett unter die Verwal­tung der internationalen Gemeinschaft gestellt werden. Nur so kann ein ungehin­derter Zugang aller Menschen zu den heiligen Stätten langfristig gesi­chert werden.

Eine Ein-Staaten-Lösung, wie sie von radikaleren Teilen beider Konflikt­parteien verfolgt wird, ist aus unserer Sicht kein gangbarer Weg zum Frieden. Zu groß wäre einerseits die Angst der palästinensischen Bevöl­kerung, weiter unter der Fremdherrschaft Israels zu leben, und zu groß wäre andererseits die Gefahr für Israel, das eigene Existenzrecht als Staat und Zufluchtsort für die JüdInnen weltweit zu verlieren. Das sieht auch die Mehrheit der israelischen Friedensbewegung von Gush Shalom bis Peace Now so. Dennoch kann ein dauerhafter Frieden natürlich nicht allein durch eine Zwei-Staaten-Lösung auf dem Papier erreicht werden. Vielmehr ist eine langwierige politische und gesellschaftliche Integration im gesamten Nahen und Mittleren Osten not­wendig, bei der der Staat und die Bevölkerung Israels Teil der dort versam­melten Gemeinschaft werden. Die Idee einer Einigkeit in Vielfalt, wie sie etwa in Europa durch die Schaffung der Euro­päische Union formuliert wurde, ist langfristig auch für die Region des Nahen und Mittleren Ostens das Ziel. Im Sinne einer Konföderation oder einer Freihandelszone könnte durch die stück­weite Abschaffung von Zollgrenzen und Grenzkontrollen sowie die Förderung wirtschaftlicher Zusammenarbeit ein Austausch zwischen den verschiedenen Bevölkerungs­teilen der Staaten erreicht werden. Dies erfordert aber eine starke Ver­netzung der demokratischen Kräfte und eine stetige Förderung dieser Ent­wicklung insbesondere durch die EU und die USA. Bevor es aber so weit kom­men kann, müssen sich beide Seiten in grundlegenden Positionen bewegen.

Besatzung im Westjordanland beenden

Damit ein lebensfähiger palästinensischer Staat entstehen kann, muss die Be- und Zersiedelung des Westjordanlands beendet werden. Durch die jahrelange Politik, Baugrund für Israelis im Westjordanland zu subven­tionieren, teilen viele israelische Siedlungen das Land in kleine, vonein­ander abgetrennte Abschnitte. Ein Großteil der israelischen SiedlerInnen lebt aus ökonomischen Gründen im Westjordanland, Baugrund im Sied­lungs­gebiet ist günstiger als Bau­land im israelischen Kerngebiet. Ein erster Schritt liegt daher in dem sofortigen Beenden der hiermit verbundenen Subventionen und einem konse­quenten Baustopp. Ein wichtiges Zeichen wäre dabei die Verabschiedung eines Gesetzes im israelischen Parlament, dass SiedlerInnen eine Entschädigung für die Umsiedelung von der West­bank in das Kernland zusagt. Offiziell gilt zwar ein auf Druck der US-Admi­nis­tration verkündeter zehnmonatiger Siedlungs­stopp im Westjordanland. Allerdings lassen viele Ausnahmeregelungen diesen zur Farce verkommen. Jedes bereits begonnene Bauprojekt kann weiter geführt werden. Öffentliche Infrastrukturprojekte in den Siedlungen und der gesamte Siedlungsbau im großzügig bemessenen Ost-Jerusalem, das Israel als annek­tiert betrachtet und militärisch besetzt hält, sind vom Stopp ausgenommen. Israel schafft so Fakten auf dem Boden. Seit dem ersten „Oslo-Abkommen“ von 1993 hat sich die Zahl der SiedlerInnen im Westjordanland auf rund eine halbe Millionen verdreifacht. Israel muss einen sofortigen Siedlungsstopp, der diesen Namen auch verdient, verhängen und vor allem auch durchsetzen.

Auch die Sperranlage, die Israel von palästinensischen Selbstmordatten­täter­Innen schützen soll und an einigen Stellen weit hinter die Grüne Linie reicht, ver­klei­nert faktisch das Westjordanland und verschärft das Problem. Palästi­nen­ser­Innen werden von ihren Äckern und Lebensgrundlagen getrennt und müssen große Umwege auf ihrem Weg zur Arbeit in Kauf nehmen. Wir sehen generell die Abschottung und insbesondere den Verlauf der Sperranlage kri­tisch. Das Sicherheitsbedürfnis von Israelis können wir nachvollziehen und kurz- und mittelfristig kann eine Sperranlage entlang der Grünen Linie dazu beitragen, dieses Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen. Langfristig kann es nach­­haltigen Frieden nur in offenen, toleranten und gleichberechtigten Gesell­schaften geben, die Unterschiede anerkennen ohne sie zu problematisieren und Gemeinsamkeiten erkennen. Die Bemühungen der Palästinensischen Autono­mie­behörde (PA), den Verpflichtungen aus der Roadmap nachzukommen, haben deutlich stärker als die israelischen Sperranlagen im Westjordanland dazu bei­getragen, dass es im Jahr 2009 aus dem Westjordanland keinen Terroranschlag in Israel gab. Jetzt muss daher auch die israelische Regierung handeln und neben dem umfassenden Siedlungsstopp und dem sofortigen Versetzen (sowie langfristigen Ab­schaffen) der Sperranlage das Ende der Besatzung und den Rückzug der Israelis aus dem Westjordanland veranlassen.

Zeitbombe Gaza jetzt entschärfen

Seit dem Gaza-Krieg Anfang 2009 hat sich die Situation für die Menschen vor Ort verschärft. Der so genannte Goldstone-Report konnte trotz offen­sicht­lichem Bemühen und überwiegend richtigen Schlussfolgerungen nur wenig zur Auf­klärung der Vorkommnisse im Gaza-Krieg beitragen, da das ihm zu Grunde liegende Mandat und der abschließende Beschluss des UN-Menschen­rechts­rates zu offensichtlich vom Versuch der Delegitimierung Israels begleitet wurde. Unverzichtbar bleibt aber eine unabhängige inter­nationale Unter­suchung in Israel und Gaza, um Völkerrechtsverletzungen auf beiden Seiten auf­zu­klären. Wir fordern insbesondere Israel als demo­kratischen Staat auf, eine solche unabhängige Untersuchung zuzulassen und zu kooperieren. Die Bereitschaft zu Aufklärung und Transparenz ist unab­ding­bare Voraussetzung, um nachhaltigen Frieden in der Region zu erreichen. Die aktuelle Situation im Gazastreifen ist humanitär katastrophal. Das liegt zum einen an der israelischen Blockade. Zwar ist das Sicher­heitsinteresse Israels berechtigt und der Wunsch nach Schutz vor den Raketen­angriffen gegen die Zivilbevölkerung nachvollziehbar. Trotzdem ist es nicht zu rechtfertigen, dass durch eine Blockade selbst dringend benötigtes Baumaterial und humanitäre Hilfsgüter nicht in den Gazastreifen gelangen können. Natürlich können Waffen­lieferungen auch weiterhin durch Kontrollen unterbunden werden, aber eine umfassende Blockade verschärft und reproduziert die Probleme auf Kosten von Millionen Menschen.

Zum anderen liegt es aber auch an der herrschenden Hamas, die laut inter­nationaler Menschenrechtsorganisationen teilweise gewaltsam gegen die eigene Bevölkerung – etwa politische GegnerInnen oder angebliche Verbündete der israelischen Armee – vorgeht. Nach Berichten von Human Rights Watch kam es immer wieder zu rechtswidrigen Festnahmen, Folter und Mord in Gewahrsam. Handfeste Nachweise über die Einhaltung rechts­staatlicher Prinzipien, der Menschenrechte und des Kriegsvölkerrechts bleibt die Hamas schuldig. Damit ist die Lage der Bevölkerung im Gaza-Streifen mehr als dramatisch. Über die Hälfte der Menschen dort sind noch Kinder, sehr viele von ihnen unter zwölf Jahren. Diese Kinder wachsen unter Bedingungen auf, die alles andere als auf humanitäre und demokratische Werte, auf Austausch und Weltoffenheit ausgerichtet sind. Stattdessen führen die Bedingungen im Gazastreifen und das Vorgehen der Hamas zu einer dauerhaften Radi­kalisierung und stellen damit die eigentliche Gefahr für den israelischen Staat und einen Frieden mit den PalästinenserInnen dar. Nachhaltiger Frieden ist nur möglich, wenn der Hass nicht reproduziert wird. Deshalb muss die Zeitbombe Gaza von der internationalen Gemeinschaft und den Konfliktparteien so schnell es geht gemeinsam entschärft werden. Dazu muss die Geltung und Durch­setzung des internationalen Rechts, insbesondere der Genfer Konven­tionen und der Menschenrechte im Vordergrund stehen.

Korruptionsbekämpfung und Sicherheit

Für die palästinensische Bevölkerung hat die Aufspaltung in Gaza-Streifen und Westjordanland gravierend negative Folgen. Eine gemeinsame Öffentlichkeit, in der die vorhandenen demokratischen und friedens­orientierten Kräfte für eine einheitliche palästinensischen Position und Politik sorgen könnten, ist in dieser Situation schwerlich zu erreichen. Damit es einen verlässlichen Partner für den Frieden auch auf der paläs­tinensischen Seite geben kann, muss Austausch und Bewegungsfreiheit zwischen Gaza-Streifen und Westjordanland hergestellt werden. Nur so können auch die pragmatischen und verlässlichen Kräfte auf paläs­tinensischer Seite gestärkt und notwendige Neuwahlen durchgeführt werden. Klar ist dabei, dass jeder Versuch, der Hamas schon jetzt die offizielle Hand der EuropäerInnen hinzustrecken, die gemäßigte Autonomie­behörde schwächt. Derzeit schwindet die Zustimmung für die Hamas im Gaza-Streifen. Doch die PA steht auf Grund ihrer massiven Zugeständnisse an den Friedens­prozess mit dem Rücken zur Wand. Es ist dringend notwendig, ihnen die Möglich­keit zu geben, Erfolge dieser Politik vorweisen zu können. Allerdings ist es ebenso notwendig, dass die internationale Gemeinschaft von den Paläs­tinen­ser­Innen einfordert, dass sie die Korruption vor allem in Bezug auf die umfangreichen Entwicklungshilfemitteln der Europäischen Union beseitigt und vorbehaltlos alles in ihrer Macht stehende tut, um ein größtmögliches Maß an Sicherheit in den palästinensischen Gebieten zu garantieren. Letzteres muss Stück für Stück verstärkt werden, je mehr Israel den Forderungen der inter­nationalen Gemeinschaft nachkommt, sich aus den besetzten Gebieten zurück zu ziehen.

Austausch und Vertrauen ermöglichen

Auf israelischer Seite wird es maßgeblich darauf ankommen, eine Politik der Öffnung zu befördern. Es kann nicht sein, dass die israelische Regierung Zugeständ­nisse an den Friedensprozess davon abhängig macht, ob die palästinensische Seite den hohen Anforderungen Israels entspricht. Viel­mehr liegt es jetzt an Israel, den Forderungen der internationalen Gemein­schaft nachzukommen und einen ersten Schritt zur Ermöglichung neuer Friedens­verhandlungen zu tun. Dies erfordert vor allem innenpolitisch Mut. Denn sowohl die unter der jahrelangen Terrorbedrohung lebende Bevölkerung in Israel, als auch die religiös und ökonomisch motivierten SiedlerInnen in den besetzten Gebieten zeigen sich derzeit mehrheitlich nicht gewillt, einen neuen Anlauf zu starten. Dennoch ist er nötig. Das Zeitfenster für die Zwei-Staaten-Lösung und damit eine historische Chance auf Frieden ist begrenzt. Die Ankündigungen des US-Präsidenten Obama haben vor allem bei der palästinensischen Bevölkerung große Hoffnungen geweckt, die schon bald in bittere Enttäuschung umschlagen könnten. Um dies zu verhindern, muss ein Wandel in der israelischen Gesellschaft stattfinden, der es ermöglicht, einen neuen Schritt zum Frieden zu wagen.

Die Grüne Jugend veranstaltet seit einigen Jahren Austauschfahrten nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Dabei sind enge Kontakte zu gleichgesinnten AktivistInnen etwa von Young Meretz, Green Course und Green Movement entstanden, bei denen uns deutlich wurde, wie plura­listisch Israel ist und wie wichtig die Unterstützung der Zivilgesellschaft und pro­gressiver Kräfte dort derzeit ist. Die Politik der rechten Regierung Israels, insbesondere der Partei des Außenminister-Tandems Lieberman und Ayalon (Ysrael Beteinu), die auf eine konsequente Behinderung der NGO-Arbeit in Israel zielt, verurteilen wir scharf. Gerade diesbezüglich gibt es zahlreiche Friedenskräfte in Israel, die auf die Unterstützung aus Europa hoffen. Nicht zuletzt auch, weil die Europäische Union ein wichtiger Partner vieler Orga­nisationen im Nahen Osten ist, die nun durch radikale Teile der israelischen Gesellschaft unter Beschuss genommen werden. Wir wollen dafür werben, als Grüne die Chance anzunehmen, friedensbewegte Israelis und Palästi­nen­ser­­Innen zu unterstützen und mutig für einen Wandel im Nahen Osten einzutreten, bei dem die Ursachen des Konflikts gemeinsam bekämpft, statt die alten Fronten in unseren Debatten reproduziert werden.

Die Autoren:

Christoph Müller, Koordinator des Fachforums Nahost (Israel und Palästina) in der Grünen Jugend

Jan Philipp Albrecht, MdEP, Israel-Delegation des Europäischen Parlaments

Sven-Christian Kindler, MdB, Deutsch-Israelische Parlamentariergruppe

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