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HAZ: Auschwitz – die Zukunft der Erinnerung

Artikel erschienen in der HAZ, am 28. Januar 2011

 

Auschwitz. Die eintätowierte Häftlingsnummer 6804 macht die Besucher noch immer stumm. August Kowalczyk, Jahrgang 1921, sitzt in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte am Rande des Lager-Gedenkkomplexes von Auschwitz. Er ist Holocaust-Überlebender, ein Zeitzeuge des schrecklichsten Kapitels der deutschen Geschichte. Er ist gekommen, um zu berichten. Von seinen Erfahrungen, seinem Leben. Und von seiner Häftlingsnummer. 6804-mal, sagt er, wolle er erzählen, in Worte fassen, was er als Gefangener dieses Vernichtungslagers erlebt hat. 6804-mal „auch und gern lachen mit euch“. Jugendliche aus Deutschland, aus der Ukraine, aus Israel, aus Polen sitzen um ihn herum. Manchmal applaudieren sie, meistens sind sie still. Mittendrin sitzt der deutsche Bundespräsident Christian Wulff und hört mit ernstem Gesicht zu.

Es ist ein Bild, wie es passender nicht sein könnte für die Botschaft, die der erste Bundespräsident, der nach dem Krieg geboren ist, 66 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers von Auschwitz mitgebracht hat. Er will dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Vernichtung von Millionen Juden auch bei der jungen Generation wach gehalten wird. Auch in Zukunft, wenn Zeitzeugen wie August Kowalczyk nicht mehr da sind.

In seiner kurzen, manchmal leicht stockenden Rede zum internationalen Holocaust-Gedenktag widmet er sich zunächst eben jenen, die bisher für die Erinnerung gesorgt haben und von denen ihn einige auf seiner Reise nach Polen begleitet haben. Er dankt den Opfern von damals und ihren Angehörigen für ihren Versöhnungswillen. Die Deutschen wüssten es zu schätzen, dass in ihrem Land wieder jüdisches Leben blühe, die Beziehungen zu Israel einzigartig seien und es eine tiefe Freundschaft zu Polen und anderen Nachbarn gebe, sagt er. Vor allem aber ruft er dazu auf, Wege zu finden, die Erinnerung auch in Zukunft wachzuhalten. Die Deutschen hätten dafür „ewig einzustehen“, sagt er. „Wir tragen alle dafür Verantwortung, dass ein solcher Zivilisationsbruch nicht wieder geschieht.“ Hierfür müsse die heutige Jugend die Wahrheit über das nationalsozialistische Terrorregime kennen. Dann werde sie auch den Kräften entgegentreten, „die die Tatsachen immer noch oder wieder leugnen oder verfälschen“.

Hierfür kommt in Zukunft Orten wie der Gedenkstätte in dem Vernichtungslager Auschwitz eine große Bedeutung zu. An dem Ort, an dem die Nationalsozialisten bis zu 1,5 Millionen Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma, Kriegsgefangenen, Widerstandskämpfern und Behinderten den qualvollen, systematischen Tod brachten, ist die Vergangenheit auch heute noch fühlbar. Wulff rief gerade deshalb zum Erhalt der Erinnerungsstätten auf. Je weniger Zeitzeugen noch persönlich berichten könnten, umso wichtiger seien schriftliche, fotografische und filmische Zeugnisse und der Erhalt solcher Stätten. „Es stimmt, man kann das Geschehene, das Unvorstellbare, nicht in Worte fassen“, sagt Wulff und fügt hinzu: „Man muss aber!“ Der Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler lobt anschließend die Rede Wulffs als „wichtiges Signal“. Der Grünen-Politiker aus Hannover, der Wulff nach Auschwitz begleitet hat, betont die Verantwortung der jungen Deutschen, neue Formen der Erinnerung zu finden, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind. „Der Bundespräsident hat in Auschwitz bewegende Worte dafür gefunden, dass auch zukünftige Generationen die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Schoah wach halten müssen und dass wir uns Rassismus und Antisemitismus entgegenstellen müssen“, sagt er.

Auch Polens Präsident Bronislaw Komorowski, der die Gedenkfeier gemeinsam mit Wulff in der Begegnungsstätte in Auschwitz (Oswiecim) beging, gibt sich versöhnlich. Die gemeinsame Teilnahme an dem Gedenken sei ein Beweis für das neue Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. „Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Welt in Richtung des Guten bewegt“, sagt er. Es gelte nun die Frage zu stellen, wie die Welt in Zukunft vor Verbrechen, Hass und der Missachtung der Menschenrechte geschützt werden könne. „Dies sind wir allen schuldig, die in Auschwitz gestorben sind, aber auch all jenen, die vor nicht so langer Zeit auf dem Balkan und anderswo gestorben sind“, sagte der polnische Präsident.

Nach dem Treffen in Auschwitz legen die beiden Staatschefs gemeinsam mit mehreren der mitgereisten Holocaust-Überlebenden, den jugendlichen Gästen und Vertretern der jüdischen Gemeinde Kränze an der Hinrichtungsmauer in Auschwitz nieder. Auf dem Weg dorthin erinnert der Bundespräsident an Sophie Scholl, die ermordete Widerstandsheldin der „Weißen Rose“. Sie habe sich damals zum Protest entschlossen, weil alle gewartet hätten, dass sich doch etwas ändern müsse in der entmenschlichten NS-Gesellschaft Deutschlands. Das Warten hätte jedoch nichts geändert – bis sie selbst angefangen habe, etwas zu tun. „Das“, sagte Wulff auf dem Weg zu der Mauer, an der unzählige Menschen erschossen wurden, bis die Rote Armee 1945 dem Schrecken ein Ende machte, „Das ist die Voraussetzung für ein ,Nie wieder?.“

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