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NP: Hier gibt es das grüne Lebensgefühl

Artikel erschienen in der Neuen Presse am 13.9.2011, Seite 15 Ressort: LOKA

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Eine Handy-Tasche aus dem Bioladen und ein Öko-Café als gute Geldanlage

Hannover. Was machen zwei 20-Jährige im Bio-Kinderkleider-Shop am Lindener Markt? „Handy-Tasche kaufen“, sagt Julia Groß-Kleimann. Im Bioladen? „Ich kaufe hier oft – weil ich denke, dass man darauf achten sollte, wo etwas herkommt. Für mich ist fair wichtig.“ Ist es nicht teuer? „Für gute Qualität kann man auch mehr bezahlen, finde ich.“ Was sagt sie zum Wahlergebnis, zum guten Abschneiden der Grünen? „Ein bisschen habe ich es schon erwartet“, meint sie erfreut.

Bio-Tasche fürs Handy – so sieht es wohl aus, das neue Lebensgefühl, das der Partei mit dem klarsten Umweltprofil am Sonntag Rekord-Wahlergebnisse eintrug. Wären die Oststadt und Linden-Limmer selbstständig, würden sie grün regiert, mehr als ein Drittel der Wähler hat dort grün gestimmt, mehr als für jede andere Partei; das einst rote Linden ist grün geworden. Das Wollsocken-Image haben die Grünen lässig abgestreift, Oköbewusstsein heißt längst nicht mehr Askese. Im Gegenteil: Öko ist die neue Vision vom guten Leben – vom Genuss, der nicht auf Kosten anderer geht.

In der Oststadt lebten viele schon als Studenten in WGs, nun sind die Jugendstilhäuser aufgeschönt, die Wohnungen verkauft – oft an ehemalige WGler, die Familien gründeten. Beruflich hat man sich etabliert, flaniert auf der Lister Meile und trinkt seinen Latte macchiato am liebsten ökologisch, und an Angeboten herrscht da kein Mangel. Zuletzt hat vor sechs Monaten der „Muffinman“ eine Filiale am Weißekreuzplatz aufgemacht: „Alles aus eigener Backstube“, sagt Sinan Karabócek nicht ohne Stolz, „und 90 Prozent vegan.“ So einer stimmt nicht für eine Partei, die Gentechnik auch nur von Ferne in Betracht zöge. Oder landwirtschaftliche Großproduktion fördert.

Für einen Laden fährt man in der Oststadt sogar Werbung, auf dem Fahrrad, versteht sich: „Carrots & Coffee“ am Wedekindplatz. Ann und Nadia Beyer haben für die Grünen das Catering zur Wahlparty gemacht. Kochkurse und Ernährungsberatung bietet ihr Haus auch – und Geldanlage: „Bio – Wachstumsmarkt Nummer eins“ lautet die Werbung. Alternativ und Geldmarkt, kein Widerspruch mehr. „Das läuft gut“, sagen sie, „meistens investieren Kunden.“

Ringsum wimmelt in Krabbel- und Kinderläden die neue Generation zwischen Öko-Möbeln. „Einige Jahre lang, als die Computer- und Handy-Szene boomte, da war bei uns eher Flaute“, sagt Gisele Harms-Pitet, die in „Le Naturel“ nahe dem Lister Platz Kleidung und Schreibwaren verkauft, „doch jetzt kommen viele junge Mütter, die angesichts der ganzen Skandale die konventionellen Textilien für ihre Kinder nicht mehr wollen.“

In ihrem Laden liegt eine Liste aus: Eine Million Unterschriften werden gesucht für den europaweiten Ausstieg aus der Atomenergie. Für den deutschen Ausstieg war man im Frühjahr auf der Straße, hängte nach der Reaktorkatastrophe in Japan die Kernkraft-Nein-Danke-Fahnen wieder raus. Was vermutlich als mobilisierender Effekt noch bis zu den Kommunalwahlen ausstrahlte.

Und mittlerweile ist es mehr als eine Generation, der die Abneigung gegen Kernkraft und Gentechnik, gegen Hausfrauenprämien und stromlinienförmigen Schulschliff in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit schick in Anti-Atom-Design lackierten Fingernägeln präsentierte sich bei den Aktionen gegen die Castor-Transporte ein Teil der Jugend, für den es zum guten Ton gehört, für Greenpeace zu sein. Gegen Tierversuche, gegen Massentierhaltung, gegen Kinderarbeit, gegen Ausbeutung der armen Länder: Gutes Leben 2.0 soll sozial und ökologisch verträglich sein. In der List und in Linden finden so manche 16-jährige Erstwähler die Lieblingspartei ihrer Eltern durchaus nicht uncool.

Strom kann auch aus der Sonne kommen, das lernten viele schon an der Schule, von den Solaranlagen auf der Grundschule in der Friesenstraße oder der IGS List. Und wenn sie im Kulturzentrum Pavillon oder im Faust ihre Partys feiern, im multikulturellen Ambiente, kommen sie an der ufoähnlichen Solaranlage auf dem Pavillon-Dach oder an der Werkstatt im Faust, wo die Anlage gebaut wurde, vorbei. „Grün ist nicht nur eine Vision vom schöneren, besseren Leben, sondern auch tägliche Praxis“, sagt Sven-Christian Kindler, grünes Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestags, dazu. Die Eltern des 26-Jährigen waren schon friedens- und umweltbewegt, ihn prägten vor allem die Pfadfinder grün: „Einige Jahre lang galt ich bei meinen Freunden als Spinner“, sagt er, „jetzt wählen sie selbst grün.“


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