Suchformular

HAZ: Wider die Lockversuche der Neonazis

Artikel erschienen in der HAZ, am 07.06.2012


Die junge Frau sieht Elternhaus und Schulen in der Pflicht: „Die müssen den Kindern schon von klein auf erklären, was ein Nazi ist“, sagt die Berufsschülerin. Gerade hat sie mit mehr als 100 anderen Schülerinnen und Schülern in der BBS 3 in der Ohestraße den Film „Blut muss fließen – Undercover unter Neonazis“ gesehen. Der Dokumentarfilm, der auf der diesjährigen Berlinale präsentiert wurde, war gestern erstmals in Hannover zu sehen – auf Initiative von Schülern der BBS und organisiert vom hannoverschen Bundestagsabgeordneten der Grünen, Sven-Christian Kindler. Nach der Vorstellung in der Berufsschule zeigte am Abend auch das Apollo-Kino den Film.

„Blut muss fließen, knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik“, singen Neonazis immer wieder bei Konzerten in Deutschland, oft völlig unbehelligt von den Strafverfolgungsbehörden. Ein Journalist, der sich den Namen Thomas Kuban gegeben hat, war jahrelang mit einer Knopflochkamera bei Rechtsrockkonzerten unterwegs und musste sich diese schon von der Waffen-SS skandierten Zeilen Hunderte Male anhören.

Diese Konzerte, so macht Kuban deutlich, sollen junge Leute anlocken und sie schließlich für die Ziele der Neonazis gewinnen. Irgendwann, so das Kalkül der Rechtsextremisten, hetzen alle Konzertbesucher gegen Juden und Türken. Gemeinsam mit Peter Ohlendorf, dem Produzenten des rund einstündigen Films, prangert Kuban auch das Desinteresse der Strafverfolgungsbehörden und der Politiker an dem Treiben der Nazis in Deutschland an.

Esra Yildirim sieht das ähnlich. Die 19-jährige Berufsschülerin, die gerade zur Bademeisterin ausgebildet wird, vermisst bei der Polizei genügend Einsatz beim Kampf gegen Rechtsextremisten. „Die Polizei kümmert sich um alles Mögliche, aber wenn es um Nazis geht, könnte sie energischer sein“, sagt die 19-Jährige in der Diskussion im Anschluss an die Filmvorführung.

Unterstützung erhält die Berufsschülerin dabei vom Bundestagsabgeordneten Kindler. „Es gibt viele Fälle, bei denen die Polizei in den vergangenen Jahren weggesehen hat“, sagt er. Allerdings könne sich auch jeder selber gegen Rechtsextremismus engagieren.

Rechtsrockkonzerte gibt es in Hannover nicht, aber wie an anderen Schulen der Stadt versuchen Mitglieder der rechtsextremistischen Gruppe „Besseres Hannover“ auch an der BBS 3 Schüler für sich zu gewinnen. Sie verteilen ihre Zeitschrift und bieten ihre Hausaufgabenhilfe „Deutsche helfen Deutschen“ an.

Bei der Diskussion über den Film ist jedoch nicht zu spüren, dass die Schüler sich von Mitgliedern der rechtsextremistischen Gruppe beeinflussen lassen. Ganz im Gegenteil. Beeindruckt von den Bildern machen sich die Schüler Gedanken, was man den Lockversuchen der Neonazis entgegen setzen kann. „Wir brauchen mehr Sozialarbeit und mehr Jugendzentren“, sagt eine Schülerin. Und man sollte Konzerte gegen rechts organisieren, um den jungen Leuten eine Alternative zu Rockkonzerten der Neonazis zu bieten, meint ein weiterer Schüler.

Wie wichtig es ist, gerade an Schulen über dieses Thema zu diskutieren, zeigte sich auch anderer Stelle: Ausgerechnet kurz vor der Filmvorführung an der BBS?3 hatte Kindler auf einer Toilette dort mehrere Aufkleber mit Neonazi-Parolen entdeckt.

Verbreite diesen Beitrag!
Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter oder Google in die USA übertragen und unter Umständen auch dort gespeichert. Näheres erfahren Sie hier.