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NP: „Stimmung zwischen Wut und Resignation“. Sven-Christian Kindler, grüner Bundestagsabgeordneter aus Hannover, besucht Athen

Artikel erschienen in der Neuen Presse, am 09.07.2012

Vier Tage lang war Sven-Christian Kindler, Bundestagsabgeordneter der Grünen, vergangene Woche mit einem Parteifreund in Athen. Nach unzähligen Treffen mit Vertretern von Regierung, Opposition, Gewerkschaften und Unternehmen zieht der Hannoveraner eine nüchterne Bilanz: „Griechenland braucht mehr Zeit.“

Kindler berichtet, dass den meisten Griechen bewusst sei, dass in der Vergangenheit viele Fehler gemacht wurden und strukturelle Reformen dringend nötig sind. Bisher hätten die Sparauflagen aber vor allem die sozial Schwächeren im Land getroffen.

Die Wirtschaftsleistung sei in den vergangenen drei Jahren um fast 20 Prozent gesunken, mehr als 50 Prozent der unter 35-Jährigen haben keine Arbeit. „Die soziale Situation hat mich erschreckt. Es gibt eine große Armut im Land“, so der 27-Jährige, „die Stimmung schwankt zwischen Wut und Resignation.“ Gerade unter jungen Leuten seien Verzweiflung und Perspektivlosigkeit sehr groß: Wer gut qualifiziert sei, überlege, das Land zu verlassen. Die anderen sorgten sich um ihre Zukunft.

Für Kindler ist klar: „Auf der Ausgabenseite ist in Griechenland nicht mehr viel zu machen. Jetzt muss die Einnahmesituation verbessert werden“, erklärt der Finanzexperte. Zu den größten Problemen des Landes gehörten die Steuerverwaltung, der hohe Anteil importierter Güter und die bürokratischen Hindernisse für Unternehmer. Dabei sieht Kindler durchaus Potenzial – in den Bereichen erneuerbare Energien und ökologische Landwirtschaft etwa würden viele Entwicklungsmöglichkeiten stecken.

Einen Euro-Austritt Griechenlands hält Kindler für sehr gefährlich. „Das würde einen Flächenbrand auslösen, in deren Verlauf auch andere Staaten wie Italien oder Spanien in immense Schwierigkeiten kommen würden“, so der Grüne, „die ganze Austrittsdebatte ist fatal und verschlimmert die Situation nur.“ Politisch und ökonomisch wäre es „Quatsch“, die Griechen aus der Währungsunion rauszuschmeißen. Kindler ist sicher: „Griechenland wird in der Euro-Zone bleiben.“ Auch die Griechen würden die Drachme nicht zurückhaben wollen.

Angetan war Kindler davon, wie freundlich die Besucher aus Deutschland aufgenommen wurden. „Die Stimmung gegenüber Deutschen ist gut“, berichtet er. Zwar werde die strikte Sparpolitik von Kanzlerin Angela Merkel kritisiert, „aber das wird nicht insgesamt den Deutschen vorgeworfen“. Er könne nur empfehlen, Urlaub in Griechenland zu machen: „Die Lage ist ruhig und sicher, es gibt keinen Hass auf Deutsche, im Gegenteil.“ Es gebe nicht nur eine tolle Landschaft, viel Kultur und gutes Bier (nach deutschem Reinheitsgebot gebraut). „Ich war überrascht, dass es so viele leckere vegetarische Gerichte gibt“, so der überzeugte Vegetarier.

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