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WZ: „Zukunft der Landwirtschaft betrifft uns alle“

Artikel erschienen in der Walsroder Zeitung, am 1.11.2012

 Christian Meyer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen) referiert auf Einladung von Sven-Christian Kindler (MdB) über angestrebte „Agrarwende 2.0“

Niedersachsen ist ein landwirtschaftlich-geprägtes Bundesland. Agrarpolitik ist daher ein wichtiges Thema, nicht nur, aber auch im Wahlkampf. Wie die Grünen sich die zukünftige Agrarpolitik nach der Landtagswahl im Januar in einer rot-grünen Regierungskoalition vorstellen, davon gab Christian Meyer, agrarpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, am Montagabend in Schwarmstedt eine Kostprobe: „Agrarwende 2.0“.

Schwarmstedt. Christian Meyer holt dabei auch aus zu einem Rundumschlag gegen Schwarz-Gelb, der vom verstärkten Höfesterben in den vergangenen Jahren bis zu verfehlter Subventionspolitik reicht. Vor allem die Massentierhaltung und die zunehmende Industrialisierung in der Landwirtschaft prangert der Grünen-Sprecher an. Doch wo fängt eigentlich Massentierhaltung an? Bedeutet groß immer gleich schlecht und klein immer gut? Kann der Bauer mit der Heugabel, den ein Bild in Meyers Vortrag zeigte, überhaupt noch zeitgemäß sein? Das sind auch kritische Fragen aus dem Publikum. Andere stellt Meyer selbst: Was ist mit Vermaisung, mit Nitratbelastungen in Boden und Grundwasser („62 Prozent des Grundwassers in Niedersachsen, auch im Heidekreis, sind von schlechter Qualität“), was ist mit Antibiotika und Hormonen, mit Klimaschutz und mit den Auswirkungen der millardenschweren europäischen Agrarpolitik auf die Entwicklungsländer, was ist mit Tierschutz?

In der anschließenden Diskussion mit Grünen-Mitgliedern, aber auch Vertretern der Landwirtschaft, von Landvolk und Landberatung sowie mit Mitgliedern der Bürgerinitiativen Wietze (gegen den Schlachthof) und Rodewald (gegen die Hähnchenmastanlage) wird schnell deutlich, dass es nicht einfach sein wird, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Das fängt schon bei den unterschiedlichen „Betroffenen“ an: Landwirte wollen, zu Recht, bekräftigt Meyer, ein einträgliches Einkommen, von dem sie und ihre Familien gut leben können. Und da sind sie heute mehr denn je in starkem Zugzwang, oftmals geht das nur mit einer Vergrößerung des Betriebes. So gab es im ersten Halbjahr 2011 sechs Prozent weniger Milchbauern, aber ein Prozent mehr Kühe, die Zahl der Arbeitsplätze in der niedersächsischen Landwirtschaft nahm von 179.300 in 2003 auf 150.700 in 2010 ab. „Das Land zahlt 7,5 Millionen Euro Förderung für den Schlachthof in Wietze, aber hat keine 2,5 Millionen Euro für regionale Schulobstprojekte“, kritisiert der Grünen-Experte die Schieflage innerhalb der Landwirtschaft. Das setzt sich fort bis in die Werbung, die mit Kühen auf grünen Wiesen für Milch wirbt, obwohl die Tiere, die für diese Milch gemolken wurden, noch nie eine Wiese betreten haben.

Und somit kommen die nächsten „Betroffenen“ ins Spiel: die Verbraucher. Kaum ein Käufer könne nachvollziehen, was er eigentlich kaufe, so Christian Meyer. Dabei habe das Beispiel der Kennzeichnung der Eier gezeigt: „Die Verbraucher wollen wissen, was sie bekommen, und sie sind bereit, auch dafür zu bezahlen: 90 Prozent kaufen keine Käfigeier mehr.“ Was sie nicht wollen, sind Fleischtheken-Sondermülldeponien, in denen es vor lauter Medikamentenzusätze und Cheminkalien im Fleisch nur so wimmelt.

Die Grünen wollen daher beides: Sie wollen ein Leitbild für die Landwirtschaft mit nachhaltigen zukunftsfähigen Perspektiven, und zwar nicht nur für den Bereich Öko- und Biolandbau, sondern gerade für die konventionelle Landwirtschaft, die sich nicht mehr von Konzernen und Lobbyisten missbrauchen lassen soll. Dabei sollen sowohl Tierschutz – bisher sind bis zu 39 Kilogramm Masthuhn auf einem Quadratmeter erlaubt, „Tiere werden per Schnabelkürzung dem Platz angepasst und nicht der Platz den Tieren“ – als auch Mindestlöhne für die Landwirtschaft, gerechte Erzeugnispreise, Reduzierung und Neuverteilung von Subventionen und Förderungen zum Tragen kommen, natürlich alles gentechnikfrei. Für Christian Meyer ist andererseits aber auch eine bessere Kennzeichnung der Produkte unumgänglich und damit eine bessere Aufklärung der Konsumenten.

Viele Fragen müssen nicht zuletzt aus Zeitgründen offen bleiben. Aber: „Weiter so ist keine Alternative, das Ziel muss eine nachhaltige bäuerliche Qualitätslandwirtschaft sein. Denn die Zukunft der Landwirtschaft betrifft uns alle.“

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