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HAZ: Die Grünen genießen ihr Gefühl der Stärke

Artikel erschienen am 21.01.2013 in der HAZ

Hannover. Die Grünen steigen in neue Höhen: Sie haben auch in Niedersachsen ein Rekordergebnis geholt. Der Jubel ist groß, als die erste Prognose bekannt gegeben wird. Noch nie war die Partei in einer Landtagswahl hier so stark wie 2013. Der Spitzenkandidat Stefan Wenzel reckt einen Strauß Blumen in die Luft und stößt einen Jauchzer aus. Zaghaft zunächst, aber der zweite gelingt dann als Jubelruf mit Ausrufezeichen: „Wir feiern ein wunderbares Ergebnis!“

Doch das ist nichts im Vergleich zu dem Gefühlsausbruch, als ein paar Stunden später Grüne und SPD endgültig gesichert vorne stehen. Als um kurz vor Mitternacht auf der Wahlparty das amtliche Endergebnis verkündet wird, liegen sich die Grünen in den Armen, Jubel bricht aus wie bei einer Meisterfeier im Fußballstadion. „So sehen Sieger aus!“, singen sie.

Eine Stimme Mehrheit im Landtag, knapper geht es nicht. Große Erleichterung breitet sich aus. Der Bundestagsabgeordnete Sven Kindler ballt nun die Fäuste und ruft: „Der Hammer!“.

Unsicherheit hatte zuvor den Abend bestimmt. Mal lagen CDU und FDP einen Sitz vorne, und viele Grüne schüttelten nur ungläubig den Kopf. Dann legten wieder SPD und Grüne zu - Gleichstand im Landtag. Bei der nächsten Hochrechnung lag Schwarz-Gelb dann wieder mit einem Sitz vorne. Der hannoversche Abgeordnete Enno Hagenah sagte ernst: „Der Abend wird lang.“ So sollte es kommen. Die Grünen stießen erst einmal mit Sekt und „Bio-Zisch“-Limonade an.

Das Dilemma der Grünen an diesem Abend hatte drei Buchstaben: SPD. Diese gehöre für einen missglückten Wahlkampf „verprügelt“, sagte eine niedersächsische Bundestagsabgeordnete am frühen Abend. Die Europaabgeordnete Rebecca Harms sprach es offen aus: „Peer Steinbrück hat Stephan Weil den Wahlkampf vermasselt. Das ist doch offensichtlich.“

Später ist Steinbrück abgehakt - zumindest bei den Grünen. Sie haben David McAllister nach zehn Jahren schwarz-gelber Regierungszeit aus dem Amt gejagt, gemeinsam mit den Sozialdemokraten, die sie mit durchgezogen haben. Niedersachsen ist nun das sechste von Grünen und Sozialdemokraten gemeinsam regierte Bundesland. Ein Signal für den Bund geht aus Grünen-Sicht von der Wahl aus: „Grün oder Merkel“, hatte die Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt von Berlin aus als Parole für das Wahljahr 2013 ausgegeben. Seit gestern weiß man, dass die Grünen sich dabei auf ihre eigene Stärke verlassen müssen. Dennoch sagt Jürgen Trittin für den September voraus: „Das war?s für Schwarz-Gelb in Berlin.“

Fast wäre es noch schiefgegangen. Noch im Sommer konnten SPD und Grüne sehr zuversichtlich sein. So zuversichtlich, dass die Grünen schon halblaut über Kabinettsposten nachgedacht haben. Drei oder vier sollten es sein. Würde Stefan Wenzel, der seriöse Allrounder, Finanzminister werden oder nicht doch lieber das ureigene Ressort der Grünen besetzen, die Umwelt? Auch auf das Landwirtschaftsministerium, das Sozialministerium und das wichtige Kultusministerium hatten die Grünen geschielt.

Spitzenkandidatin Anja Piel machte gestern deutlich: „Wir stehen mit der SPD auf Augenhöhe.“ Soll heißen: Die Grünen gehen selbstbewusst in Koalitionsgespräche. Ihr Partner an der Spitze, Fraktionschef Stefan Wenzel, zählt eine Reihe „schwierige Themen“ auf, über die es mit der SPD zu verhandeln gilt: Finanzen, Bildung, Energie, Asse, Gorleben. Piel betonte zugleich die „vielen Gemeinsamkeiten“, die es mit der SPD gebe, und lobt den designierten Ministerpräsidenten Stephan Weil: „Er akzeptiert, wo wir uns begegnen“ - auf Augenhöhe nämlich.

Eines ist nämlich klar: Am Regierungswechsel haben die Grünen aus ihrer Sicht den entscheidenden Anteil - auch wenn es lange Zeit sehr eng war. „Gute Pferde springen knapp“, kommentiert Trittin. Piel sagt am Ende, der Tag sei ein „Wechselbad der Gefühle gewesen.“

Darum hat es auch lange gedauert, bis auf der grünen Wahlparty richtig Stimmung aufkommen konnte. Als um kurz nach 21 Uhr Wenzel und Piel vom Landtag herübergekommen waren, wurde es das erste mal richtig laut: „So sehen Sieger aus!“, ruft der junge Landesvorsitzende Jan Haude, und die Grünen antworten mit „Schalalala!“. „Es wird Spitz auf Knopf“, warnte Wenzel da noch. Trotzdem ruft er seine Leute zum Feiern auf: „Ich setze darauf, dass Rot-Grün am Ende vorne liegt!“ Gut für die Grünen, dass es tatsächlich so gekommen ist. Der Kater wäre fürchterlich gewesen.

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