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NP:Frei.Wild Fans drohen Kindler

Frei.Wild“-Fans drohen Kindler

VON VERA KÖNIG HANNOVER

 

Weil er seine Meinung sagte, hat er Morddrohungen bekommen. Sven Kindler, Bundestagsabgeordneter der Grünen, erlebt derzeit auf seiner Facebook-Seite Hasstiraden von Neonazis. Einige beschimpfen ihn, andere wünschen ihm den Tod. Der 28-Jährige hat Anzeige erstattet. Auslöser war Kindlers Teilnahme an einer Demonstration gegen die Band „Frei.Wild“ im Capitol. Als Redner äußerte er sich kritisch zu den Texten der Band. Am Sonntag, Wochen nach diesem Auftritt, griff ihn ein „Frei.Wild“-Anhänger am Küchengarten in Linden an. Er schubste den Grünen und versetzte ihm laut Polizei „leichte Schläge gegen den Oberkörper“. Der Mann, Mitte zwanzig, soll dabei gerufen haben: „Ich mache dich fertig, wenn du noch mal so etwas machst.“ Er flüchtete, als Kindler mehrfach damit drohte, die Polizei einzuschalten. Der Bundestagsabgeordnete schilderte das auf seiner öffentlich zugänglichen Facebook-Seite. Er lasse sich nicht beirren oder einschüchtern und werde „weiter gegen völkische Ideologie und Nationalismus aktiv sein“, schrieb er. Bis gestern sind darauf gut 600 Kommentare eingegangen. Einige mit Lob und Anerkennung, andere mit übelster Attacke. Ein 40er-Tonner hätte ihn überfahren sollen, wünscht ihm ein Schreiber. „Schade, dass er dir nicht die Fresse zertrümmert hat“, meldet sich ein anderer zu Wort. „Viel zu wenig abbekommen“ ist häufiger zu lesen. Kindler ist schockiert – aber unbeirrt in seinem Engagement. „Was hier passiert, ist der Versuch der Einschüchterung“, findet er, „wer nicht ins Weltbild passt, wird beschimpft, beleidigt und mit Gewalt oder sogar Mord bedroht. Unter dem Mantel eines angeblich unpolitischen Patriotismus werden Nationalismus, Homophobie und Rassismus transportiert.“ Nicht nur er sei solchen Attacken ausgesetzt, so der Politiker. „Viele Opfer rechter Gewalt machen leider dieselben Erfahrungen wie ich gerade. Das, was ihnen passiert ist, wird relativiert und verharmlost“, sagt er.

 

Wo bleibt die Streitkultur?

Ein Kommentar von Vera König

 

Was darf eine Band singen? Was darf ein Bundestagsabgeordneter dagegen sagen? Die Antworten darauf (so sollte man denken) gibt das Grundgesetz vor – durch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Von den Anhängern der Band „Frei.Wild“ wird dieses Grundrecht gern postuliert. Alles Quatsch, dass die Gruppe in ihren Texten Vorurteile gegenüber Andersdenkenden schüre, versichert sie. Formulierungen wie Rechts-Rocker lösen Beschimpfungslawinen aus. In eine solche Lawine ist jetzt Sven Kindler geraten, der Bundestagsabgeordnete der Grünen. Weil er sich auf einer Demonstration in Hannover kritisch zu „Frei.Wild“ und den Texten äußerte (und damit das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nutzte), hat ihn ein Anhänger der Band in Linden angegriffen, geschubst und geschlagen. Ein armer verirrter und verwirrter Einzeltäter? Leider nein! Dass Kindler den Vorfall auf seiner öffentlich zugänglichen Facebook-Seite postete, entfachte einen Shitstorm. Hunderte kommentierten den Eintrag. Eindeutig dem Neonazi-Lager zuzuordnende Schreiber wünschen ihm „88 Schläge aufn Kopp“. Das ist noch das Harmloseste. 40-Tonner sollten ihn überfahren, ist da zu lesen oder „Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt“. Etliche Beschimpfungen könnten als Morddrohungen verstanden werden. Das hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun. Und erst recht nicht mit politischer Streitkultur. Kindler hat Anzeige erstattet, der Staatsschutz wird ermitteln. Ob man der Schreiber habhaft wird, die sich bei Facebook hinter Pseudonymen verstecken, ist mehr als fraglich. Schade drum. Natürlich muss ein Politiker Beschimpfungen aushalten – aber nicht ernsthafte Bedrohungen. Die Diskussion um Auftritte der Band „Frei.Wild“ haben die Schreiber nicht gerade in ihrem Sinne bereichert. Wer solche Anhänger hat, muss sich öffentlich von ihnen distanzieren – und ihnen klar machen, dass freie Meinungsäußerung bei Facebook eben nicht als Morddrohung enden darf.

 

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