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RK „Quetschen sie nicht die Erde aus“- Diskussion im Ratssaal zum Thema „Erdgasförderung zwischen Energiewende und Umweltschutz“

Rotenburg: Ein Wust an Wissen, ein Berg von Fakten, Kolonnen von Zahlen und zum Schluss nur wenig weiter: Das war die über zweistündige Diskussionsveranstaltung, zu der der grüne Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler, mit zuständig für den Wahlkreis Rotenburg I/Soltau-Fallingbostel, in den Rotenburger Ratssaal eingeladen hatte. Thema des Abends: „Erdgasförderung zwischen Energiewende und Umweltschutz. Brauchen wir Erdgas für die Energiewende? Wie können wir mit den Risiken der Erdgasförderung umgehen?“ In der Diskussionsrunde saßen Dr. Julia Verlinden (35), Bundestagsabgeordnete und energiepolitische Sprecherin der grünen Berliner Fraktion aus Lüneburg, Hartmut Horn (74), pensionierter Lehrer und Schriftsteller aus Bötersen und Sprecher der seit drei Jahren bestehenden Bürgerinitiative Frack-loses Gasbohren, sowie als Vertreter des Konzerns Exxon-Mobil Deutschland, der Diplom-Chemiker Dr. Harald Kassner (59).

Kindler, Finanzexperte seiner Partei, in einer Stellungnahme vor der Veranstaltung zu dieser Zeitung: „Wir wollen die konsequente Energiewende auf Bundesebene. Das Ziel ist klar: 100 Prozent erneuerbare Energien so schnell wie möglich. Und dabei stellt sich die Frage: Wie gehen wir in einem Übergangszeitraum mit der fossilen Erdgasförderung, ihren Gefahren und ihren Risiken um?“ Aktuelle Vorschläge zuständiger Fachminister auf Landes- und Bundesebene zum Einsatz der Fracking- Technologie bei der Gewinnung von Erdgas und Erdöl lagen vor, reichen den Grünen allerdings nicht aus. In einem Elf-Punkte-Papier heißt es unter anderem: Die Förderung von Erdgas (und Erdöl) durch Fracking soll im Berg- und Wasserrecht untersagt werden.

Der Einsatz von giftigen und wassergefährdenden Substanzen soll ebenfalls im Bundesberggesetz und im Wasserhaushaltsgesetz verboten werden. Punkt 3: Die Aufsuchung und Gewinnung von Erdgas und Erdöl sowie die Verpressung des Lagerstättenwassers und des Rückflusses von Förderflüssigkeiten („Flowback“) in Wasserschutzgebieten solle verboten werden. Außerdem: Die unterirdische Verpressung von nicht aufbereitetem und nicht von wassergefährdenden Stoffen befreitem Lagerstättenwasser ist im Bundesberggesetz zu untersagen. Nach der Begrüßung durch die neue Sprecherin des Kreisverbandes der Grünen, Ursel Brüning-Wildhagen, nahm sich Hartmut Horn als Sprecher der Bürgerinitiative erst einmal die Grünen vor: „Ihr macht zu kapitalistische Politik und kuschelt mit der Industrie.“ Deshalb könne es nur mit den „Basisgrünen“ eine Zusammenarbeit geben. Es sei unverständlich, so Horn, dass das Bergamt „so einen Konzern wie Exxon“ mit der Gasförderung beauftragen könne.

Und schließlich unter dem Beifall der relativ zahlreich erschienenen Besucher: „Wir lassen unsere Arbeit nicht durch eine Veranstaltung wie diese unterminieren.“ Die Forderung laute, so Dr. Verlinden (Grüne): Weg von den fossilen Energieträgern. Und schließlich: „Wir müssen die Sanierungsquote bei den Häusern erhöhen, um zu sparen.“ Exxon sehe sich nicht als Konkurrent zu den erneuerbaren Energien, betonte Dr. Kassner und sagte, dass die für 2040 avisierte 100-prozentige Umstellung nicht möglich sei. Bis zum Wechsel zu erneuerbaren Energien würden die jetzigen Energien also weiterhin gebraucht. Auch wenn es zwangsläufig zu Fehlern komme, so sei das Maß an Sicherheit bei Exxon mit am höchsten in der ganzen Industrie. Kassner, ein „Mann mit dickem Fell“, an dem die zahlreichen kritischen Bemerkungen abperlten, ohne dass er sich aus seinem Konzept bringen ließ, bewies sich als geschickter Rhetoriker. Allerdings musste er sich von Berufskollegen in den Reihen der Besucher mehrfach vorhalten lassen, Probleme und Sachstände nur sehr reduziert und „passend zurecht geschnitten“ dargestellt zu haben.

Und immer wieder dieser Vorwurf, den es für ihn galt, zu „schlucken“: Haupttriebfeder sei und bleibe für Exxon der Profit. Hartmut Horn: „Quetschen sie nicht unsere Erde aus, das brauchen wir nicht!“ Rotenburgs künftiger Bürgermeister Andreas Weber (SPD) zeigte sich enttäuscht, „was die SPD mit den Grünen in der Landesregierung“ im Zusammenhang mit der Förderung fossiler Energien regelten. An Dr. Kassner gewandt und geplante Fracking-Maßnahmen im Bereich Bötersen gemeint, sagte Weber: „Ich frage mich, wie können Sie reinen Gewisses sagen, dass hier nichts passiert?“ Weber forderte eine intensivere Kontrolle durch den Landkreis. Eine Zuhörerin aus Rotenburg: „Wenn diese Lagerstätten im Landkreis Rotenburg ausgebeutet worden sind, dann sind Sie weg. Meine Familie und ich wohnen hier aber weiterhin und werden dann eventuell mit den unkalkulierbaren Folgen leben müssen. Warum soll ich also das Restrisiko, das mit dem Fracking verbunden ist, in Kauf nehmen?“

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