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Grußwort zur Verleihung des Theodor-Lessing-Preis 2015 an Regine Sixt

Liebe Freundinnen und Freunde in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, hier und heute ein schriftliches Grußwort für die Verleihung des Theodor-Lessing-Preises für aufklärerisches Handeln an Regine Sixt hinterlassen zu dürfen. Gleichzeitig bedauere ich sehr, leider nicht selbst an der Preisverleihung teilnehmen zu können. Mit Regine Sixt geht der Preis in die richtigen Hände. Ihr Engagement ist ein großer Gewinn für die Deutsch-Israelischen Beziehungen. Sie ist ein Vorbild für uns alle. Ihr Engagement ist nicht nur sprichwörtlich ausgezeichnet.

Seit 2004 verleiht die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Hannover diesen wichtigen Preis. Wie wichtig dieses Engagement in Deutschland immer noch ist, erfahre ich als Vizepräsident der DIG immer wieder aufs Neue. Letztes Jahr im Sommer haben wir in Deutschland und Europa ein Feuer des Antisemitismus und der Gewalt erlebt. Jüdische Gemeinden und jüdische BürgerInnen, pro-israelische AktivistInnen wurden beleidigt und angegriffen, die Shoa wurde auf Demonstrationen relativiert. Auch eine kleine Gegenkundgebung gegen Antisemitismus in Hannover mit Mitgliedern der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, an der ich teilnahm, wurde gewalttätig attackiert und musste deswegen abgebrochen werden. Die Polizei konnte uns nicht schützen. Spätestens nach diesem Sommer ist offenkundig geworden: Deutschland hat ein Antisemitismusproblem. Dabei zeigen alle Studien und auch meine persönlichen Erlebnisse: Antisemitismus kommt nicht nur in muslimisch geprägten Milieus vor, sondern ist ein großes gesamtgesellschaftliches Problem in Deutschland, das man bei Angehörigen aller Glaubensrichtungen, aller politischen Richtungen und in allen Einkommens- und Bildungsschichten findet.

Das zeigt wie tief der Antisemitismus, der Hass auf Israel sitzt. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, dort wo der Antisemitismus sichtbar wird, dort wo sich Ressentiments, Verschwörungstheorien und als Antizionismus getarnter Antisemitismus zeigen, aufzustehen und Position zu beziehen.

Der Auschwitzüberlebende Primo Levi hat gesagt: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“. Deswegen ist es unsere Verantwortung aus der Geschichte für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. Damit „Nie wieder Auschwitz“ nicht nur eine hohle Phrase bleibt. Deswegen müssen wir uns aktiv politisch gegen Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus und Nazis einsetzen. Dazu gehört gerade in Deutschland auch der Einsatz für das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels, als jüdischer und demokratischer Staat im Nahen Osten. Es ist die zwingende und gleichfalls bittere Lehre aus der Shoa, dass Jüdinnen und Juden weltweit eine sichere Heimstätte gegen Verfolgung brauchen.

In diesem Jahr feiern wir 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Amos Oz hat 2005 zu diesen Beziehungen in seinem bewegenden Essay „Israel und Deutschland“ gesagt: „Vor allem: Keine Normalisierung. Normale Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind nicht möglich und nicht angemessen.“ Ich stimme ihm voll zu. Die Shoa, die industrielle Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch die Deutschen im Nationalsozialismus, ist eng mit der Geschichte, aber auch mit der Gegenwart und Zukunft beider Länder verbunden. Eine aktive, lebendige und ehrliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit der mörderischen Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus ist auch mehr als 60 Jahre nach der Befreiung weiterhin notwendig und hochaktuell. „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären.“, schrieb Theodor W. Adorno zu Recht.

Regine Sixt erhielt mit ihrem Ehemann im vergangenen Jahr die höchste Auszeichnung der Hebräischen Universität Jerusalem: den Scopus Award 2014. Mit der Auszeichnung würdigte die Universität das Ehepaar für seine Jahrzehnte langen Verdienste gegenüber dem Staat Israel, sein bedeutendes gesellschaftliches Engagement und seine vielfältigen sozialen Aktivitäten. Der Scopus Award ehrt Persönlichkeiten, die sich im Geiste der grundlegenden Werte von Humanismus, Toleranz und herausragenden Leistungen im öffentlichen Leben verdient machen. Ich freue mich, dass ihr unermüdliches Engagement nun auch in Hannover durch die DIG geehrt wird.

Theodor Lessings Ansatz – ausgehend von der Grunderfahrung des Menschen von Not und Leiden in der Welt einen Wandel anzugehen, Unrecht nicht einfach hinzunehmen, sondern zu benennen und ihm entgegen zu treten – gilt auch für das Engagement von Regine Sixt. Sie steht auf gegen Unrecht, Intoleranz und gegen das Vergessen.

Mit dem Theodor-Lessing-Preis ehrt die DIG Hannover genau das. Gleichzeitig bezieht die DIG selbst Position und zeigt mit der Preisverleihung, dass es viele Menschen gibt, die sich für Israel, gegen Antisemitismus und für gute deutsch-israelische Beziehungen einsetzen. Theodor Lessing, als jüdischer Philosoph und Hannoveraner, ist hier genau der richtige Namenspate für den Preis. Seine Geschichte und seine Biographie lehren uns, wie wichtig es ist die Augen offen zu halten, wie wichtig es ist sich dem eliminatorischen Antisemitismus in den Weg zu stellen.

Mit seiner Philosophie der Tat hat Lessing gezeigt, dass trotz der Erfahrung von Not und Leid der Rückzug ins Private kein Ausweg ist. Sein Mut nicht wegzuschauen und in seinen Schriften auch öffentlich politisch Position zu beziehen, macht ihn zum Vorbild. Er hat lange gekämpft gegen die antiaufklärerischen Tendenzen der deutschen Mehrheitsgesellschaft in den 20er Jahren, bis zu seiner Flucht im Jahr 1933. Die Schergen Nazideutschlands ermordeten ihn. Sicher nicht nur aus blankem Antisemitismus, sondern auch weil er ein Symbol für die Vision einer freien, aufgeklärten Republik war.

Lessings Antwort auf die Hetze gegen ihn war unbequem sein, statt Resignation und Rückzug. Erlittenes Leid war für Lessing kein Schlusspunkt, sondern Anfang für mitunter mühsame Veränderung. Eben diesem Ideal ist auch Regine Sixt verpflichtet. Es ist beruhigend zu wissen, dass unsere Gesellschaft kritische und verantwortungsvolle Menschen wie Regine Sixt hat, die in die Öffentlichkeit treten und Veränderung initiieren, die Zukunft stiftet.

Dass die DIG Hannover Regine Sixt ehrt, dass sie – wie Theodor Lessing – ‚fünfe nicht gerade sein lassen’ kann, ermuntert die Menschen auch in Zukunft aufzustehen und für Humanismus und Toleranz einzustehen.     

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gute, eine fröhliche, eine bedeutsame Preisverleihung. Euer Engagement macht einen Unterschied. Haltet daran fest.

Herzlichst

Sven-Christian Kindler

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