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WZ: "Die Situation ist Dramatisch"

Hebammen informieren im Geburtshaus Walsrode über ihren Berufsalltag, ihre Sorgen und Nöte
VON DIRK MEYLAND - 07. Juli 2017

WALSRODE. Ein Blick auf die „Landkarte der Unterversorgung“ des Deutschen Hebammenverbandes erweckt den Eindruck, dass im Heidekreis noch „heile Welt“ herrscht. Die Ausführungen zahlreicher Hebammen am Dienstag bei einer vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler initiierten und vom Geburtshaus Walsrode ausgerichteten Veranstaltung, an der diverse Bundestagsabgeordnete und -kandidaten, Hebammen, die Walsroder Bürgermeisterin Helma Spöring und die Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen, Veronika Bujny, teilnahmen, beweisen das Gegenteil.
„Die Situation ist dramatisch“, stellte Johanna Schuck vom Geburtshaus klar. „Sie ist für Frauen vor Ort gruselig – das betrifft die Vorsorge, die außerklinische Geburtshilfe und die Versorgung in Kreißsälen. Die Sicherheit von Frauen und Kindern ist so dauerhaft nicht mehr gewährleistet.“
Der seit Jahren kontinuierliche Anstieg der Haftpflichtversicherungsprämien, aufgrund dessen Hebammen aus dem Heidekreis bereits 2014 protestiert haben, zeigt mittlerweile Auswirkungen. Musste eine in der Geburtshilfe tätige Hebamme im Jahr 2000 noch 404 Euro an Prämien zahlen, waren es 2015 bereits 6000 Euro. Seit 1. Juli sind es 7639 Euro (rund 640 Euro im Monat), bis 2020 soll der Betrag auf mehr als 9000 Euro steigen. Die Deckelung des Eigenanteils durch einen Sicherstellungszuschlag Verringert zwar die finanzielle Belastung, dennoch haben in den vergangenen Jahren viele Hebammen ihren Beruf aufgegeben oder eingeschränkt. Die Folgen: Für die verbleibenden Hebammen – rund 50 in unterschiedlichen Funktionen im Heidekreis – kommt es zu einer enormen Arbeitsverdichtung, Überstunden inklusive.
Angesichts gleichzeitig steigender Geburtenzahlen ist die Situation für werdende Mütter spürbar. Gerade im Nordheidekreis sei es ohne großen zeitlichen Vorlauf praktisch unmöglich, eine Hebamme für Geburtsvorbereitung und Wochenbett zu finden. „Werdende Mütter müssen sich schon kümmern, wenn sie gerade mal schwanger sind“, erläutert Hebamme Ute Maltz-Fricke. Beate Wulfhorst, die als freiberufliche und als Vorsorgehebamme in einer gynäkologischen Praxis arbeitet, ergänzt: „Meine Kapazitäten sind schon jetzt bis Mitte, Ende Februar 2018 erschöpft.“ Für zusätzlichen Druck sorge, so Maltz-Fricke, dass Mütter nach der Geburt zunehmend kürzer im Krankenhaus bleiben – so steige der Bedarf an Wochenbett-Betreuung noch einmal. Dazu komme, dass die klassische Berufung vieler Hebammen, die Geburtshilfe, vielerorts in den Hintergrund rücke, weil Geburten per Kaiserschnitt für Kliniken finanziell lukrativer (und besser planbar) seien.
Diese Gemengelage habe sich längst bei jungen Menschen herumgesprochen. Zwar hätten viele noch immer den Berufswunsch Hebamme, doch immer weniger würden sich tatsächlich dafür entscheiden.Die Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes, Bujny, stellte zwar klar, dass es genügend Interesse an der Ausbildung gebe – allerdings sei die Zahl der Ausbildungsplätze in den vergangenen Jahren deutlich reduziert worden. Die Auswirkungen würden in acht Jahren spürbar: „Dann werden rund 25 Prozent der Hebammen in Ruhestand gehen – und das sind die Leistungsträgerinnen, die mit der eigenen Familienphase schon durch sind.“ Schuck erläuterte, dass es dem Geburtshaus bereits jetzt nicht gelinge, qualifizierten Nachwuchs zu bekommen: „Wir schreiben seit Jahren bundesweit Hebammenschulen an und kriegen keine Bewerbung. Ein Facebook- Aufruf hat sich zwar schnell verbreitet, aber auch darauf hat sich keiner gemeldet.“
Folgen dieser Entwicklung hat die Schwarmstedter Hebamme Dorothea Kluge im vergangenen Jahr gespürt. Nachdem sie im Geburtshaus Celle als einzige Hebamme noch Geburten angeboten hatte, wurde die Einrichtung 2016 geschlossen.
Veronika Bujny formulierte mehrere Forderungen an die versammelten politischen Vertreter. Es sei notwendig und seit 2015 Konsens, die Ausbildung zu akademisieren. Nur müssten endlich entsprechende Weichen gestellt werden, damit dies ab 2020 auch möglich sei. Dringend notwendig sei eine politische Unterstützung in den Verhandlungen zwischen Hebammenverbänden und der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, dem GKV Spitzenverband. Bujny: „Sonst ist das ein Kampf David gegen Goliath.“
In Krankenhäusern müssten sogenannte Personalanhaltszahlen für Hebammen eingeführt werden, auf deren Basis der tatsächliche Personalbedarf zu ermitteln sei. Ein staatlicher Fonds zur Absicherung von Haftpflichtversicherungsprämien sei wünschenswert. Zudem sei es „ein Unding, dass jede Hebamme in der Geburtshilfe mit ihrem gesamten Privatvermögen haftet“, so Bujny.
Die Hebammen Dorothea Kluge und Rahel Hansen verdeutlichten, dass Bürokratieabbau und eine schnellere Bearbeitung von Anträgen ebenfalls überfällig seien. „Ich habe im vergangenen März einen Antrag auf Sicherstellungszuschlag gestellt und bis heute noch kein Geld bekommen“, sagte Kluge. „Meinen Antrag habe ich im Februar gestellt – und vergangene Woche die Information bekommen, dass nicht alle Daten vollständig seien“, ergänzte Hansen.

Quelle (gekürzt): Walsroder Zeitung

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