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WZ: „Gegenpressing“ mit Musik und Luftballons

Während die niedersächsische AfD in der Stadthalle tagt, protestieren 200 Menschen gegen die Programmatik der rechtspopulistischen Partei

Von: Jens Reinbold - 07.08.2017

Walsrode. Eines stellt Christel Wensorra gleich zu Beginn einmal klar. „Gewalt ist hier nicht willkommen“, ruft die Mitorganisatorin der Demonstration den Menschen auf dem Rathausvorplatz zu. Friedlich soll es bleiben bei dem Protest gegen eben jene Partei, die sich an diesem Wochenende Luftlinie etwa 200 Meter vom Auftakt der Kundgebung entfernt in der Walsroder Stadthalle versammelt. Denn willkommen ist aus Sicht der 200 Demonstranten auch die AfD nicht, die Walsrode als Ort gewählt hat, um dort die Kandidaten für die Landtagswahl in Niedersachsen zu wählen und einen kleinen Parteitag abzuhalten.
Das Wichtigste vorab: Es bleibt an diesem Sonnabendmorgen friedlich – das immense Polizeiaufgebot, das so manchen Passanten aufschrecken lässt, kann am Nachmittag von dannen ziehen. „Es war nicht leicht, diese Demonstration in der Urlaubs- und Ferienzeit zu organisieren“, erklärt DGB-Kreisvorsitzender und Mitorganisator Heinz-Dieter „Charly“ Braun, umso mehr freue er sich über die beachtliche Anzahl an Menschen, die dem Aufruf eines breiten „Bündnisses gegen Rassismus“, das aus Mitgliedern der Linken, der Antifa-Initiative, des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der ver.di, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Celler Forums gegen Gewalt und Rechtsextremismus sowie Mitgliedern der Jusos und Grünen besteht. Kurzentschlossen haben sich auch einige Walsroder Gymnasiasten hinzugesellt.
Braun bezeichnet die AfD-Programmatik als „unsozial, marktradikal und rassistisch. Es ist der Extremismus aus der Mitte der Gesellschaft“, ruft er den Demonstranten zu. Er kritisiert, dass die Walsroder Ratsparteien nicht mitdemonstrieren, um die AfD-Veranstaltung in der Stadthalle nicht aufzuwerten, wie sie es begründeten. „Aus der Geschichte können wir lernen, dass Wegducken und Stillhalten gegenüber Rassisten immer nur den Rassisten selbst genutzt hat“, spricht er ins Mikrofon, während in der Stadthalle die AfD-Aufstellungsversammlung langsam beginnt. Dort hält Paul Hampel als Landesvorsitzender die Auftaktrede, die die Parteimitglieder – etwa 380 von ihnen sind nach Walsrode gekommen – auf den Wahlkampf einstimmen soll.

Noch bevor sich der Demonstrationszug in Gang setzt, greift Tom Kirk das erste Mal in die Saiten seiner Gitarre. Der Liedermacher aus Benefeld reimt und singt „viel schöner wäre das Leben, würd‘ es die AfD nicht geben“, während in der Stadthalle leichte Misstöne zu vernehmen sind. Die ersten Kampfabstimmungen stehen an, die Mitglieder verheddern sich in Nebensächlichkeiten – für sie wird es ein anstrengendes Wochenende mit einem Sitzungsmarathon über viele, viele Stunden.
Als sich der Protestzug in Gang setzt, spüren auch die Unbeteiligten, dass dies kein normaler Morgen in Walsrode ist. Der Verkehr staut sich, doch das Demonstrationsrecht ist ebenso ein Grundrecht wie die Versammlungsfreiheit, die der AfD ermöglicht, auch dort zu tagen, wo sie nicht willkommen ist. Wenn man so will, ist Walsrode an diesem Morgen ein Stück gelebte Demokratie.
Gesetze, Paragraphen, Wahlrecht – die Mitglieder der AfD kämpfen derweil in der Stadthalle darum, dass sie keine Fehler machen bei der Kandidatenkür. Es wird abgestimmt über Redezeit der Kandidaten und auch darüber, ob die Presse bei den Wahlen bleiben darf oder nicht. Sie darf, anders als bei ähnlichen AfD-Veranstaltungen, als die Partei die Öffentlichkeit nicht dabei haben wollte.
Vor der Zufahrt zur Stadthalle wacht ein muskelbepackter Mann darüber, wer das Gelände betritt, ein paar Meter weiter in der Saarstraße stehen zahlreiche Polizeifahrzeuge, Bereitschaftspolizisten in voller Montur sind auf einen Einsatz vorbereitet, der aber nicht kommen wird, weil die Demonstranten wie verabredet an der Brüggemannstraße vor dem Kreisel haltmachen. Der Grüne-Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler greift dort zum Mikrofon und erinnert daran, wie in anderen europäischen Ländern der Rechtspopulismus Wahlsiege erringt. „Wir dürfen deshalb nicht nur darüber reden, wie blöd wir die AfD finden, sondern den Menschen auch klarmachen, was wir wollen“, sagt er und bedient sich dabei der Fußballersprache: „Wir müssen ins Gegenpressing kommen“, fordert Kindler.
Raucherpause bei der AfD hinter Hecken an der Stadthalle. Mitglieder in dunklen Anzügen mokieren sich am Steh-(Stamm-)Tisch über Presseberichte und reden sich in Rage über „illegal Einreisende“. Sie hören und sehen nicht viel von den Demonstrationen in etwa 100 Meter Entfernung, die sich gegen Mittag auflösen.
Zumindest eines verbindet Demonstranten und AfD-Verantwortliche an diesem Wochenende: Beide verbuchen ihre eigenen Veranstaltungen als Erfolg.

Guth setzt sich gegen Schmitz durch
Dana Guth (Kreisverband Göttingen) steht nach ihrer Wahl am Sonnabend in der Walsroder Stadthalle an der Spitze der niedersächsischen AfDLandesliste für die Landtagswahl. Die 47-Jährige gehörte zu den Kritikern des Landesvorsitzenden Paul Hampel. Seine Gegner werfen Hampel seit längerem einen autoritären Führungsstil
vor. Hampel-Befürworter Maik Schmitz unterlag in einer Stichwahl um den ersten Platz mit 163 von 380 gültigen Stimmen. Guth kam auf 212 Stimmen. Insgesamt hatten sich fünf Kandidaten für den Spitzenplatz beworben.

Quelle: Walsroder Zeitung, 07.08.2017 Seite 3

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